"Den Ausgangspunkt dieser Geschichte bildet eine Kontaktanfrage vom 20.07.06 mit gerade mal 37 Worten. Ich war aufgrund des abgelaufenen Abos gerade dabei, mein Postfach auszumisten. Mit der festen Überzeugung im Hinterkopf, in der nahen Zukunft auf jegliche Art der aktiven Partnersuche zu verzichten, las ich die Nachricht von Holger. Die Neugier auf die Person hinter dieser kurzen Nachricht packte mich sofort. Eine halbe Stunde lang versuchte ich an meinem ursprünglichen Entschluss festzuhalten. Ergebnis: aussichtslos!
Noch am gleichen Abend verlängerte ich mein Parship-Abo und schrieb zurück. Zwei Mailwechsel mit groben 'Eckdaten' zur Person und dem Fotoaustausch folgten. Der erste Schritt war getan, und mein erstes positives Bauchgefühl hatte sich bestätigt. Höchste Zeit, Holger über meine außergewöhnlichste Eigenschaft aufzuklären. Klar formuliert hieß das, zu verraten, dass hinter der Formulierung 'nicht 0815' aus meinem 'Ich über mich' eine körperliche Behinderung steckt.
Das zugegebenermaßen etwas ungewöhnliche 'Geständnis' mit Überraschungseffekt führte diesmal nicht wie bei so einigen Kontakten zuvor zu schleichendem Kontaktabbruch - im Gegenteil: Die Frequenz der Mails wurde rapide gesteigert. Ganze Abende und Nächte wurden mit dem Austausch von Geschichten über Gott und die Welt verbracht. Wir entdeckten immer mehr Gemeinsamkeiten, und die Neugier aufeinander wuchs. Auch wenn wir uns geschworen hatten, uns möglichst lange nur schriftlich auszutauschen: Länger als 6 Tage hielten wir es nicht durch. Das Postfach hatte ausgedient: Ab jetzt ließen wir die Drähte glühen. Gespräche unter 5 Stunden waren eine Seltenheit.
Trotz aller Versuche, den nötigen Abstand und die Rationalität beizubehalten: Durch den intensiven Kontakt ließen sich erste Emotionen nicht mehr leugnen. Am 5. August war es dann so weit: das erste Treffen. Als Holger in meinem Türrahmen stand, war ihm die Unsicherheit und Nervosität ins Gesicht geschrieben. Das war kein Wunder, denn das Wissen über ein Handicap ist eine Sache. Der Umgang damit eine andere. Obwohl auch mir die Knie zitterten, wusste ich aus Erfahrung, dass es ab jetzt mein Job war, ihm die Unsicherheit zu nehmen. Trotz einer deutlich spürbaren Sympathie wusste ich an diesem Abend lange nicht, ob ich es schaffen würde, Holger die verständliche Unsicherheit im Umgang mit der Behinderung zu nehmen. Trotz der Ungewissheit hatte ich bei der Sache ein mir bisher unbekanntes positives Kribbeln im Bauch. Dieses Gefühl trieb mich, mit einer gewissen Entschlossenheit auf Holger zuzugehen. Trotz der Unsicherheit über den Ausgang der ganzen Geschichte kamen wir uns näher. Nach einem Treffen mit langen und intensiven Gesprächen fuhr er heimwärts. Zu diesem Zeitpunkt wusste wohl keiner von uns, ob wir uns wiedersehen würden. Aber mein gutes Bauchgefühl blieb, und wir ließen die Sache einfach auf uns zukommen.
Schon am Dienstag der kommenden Woche bekam ich einen Anruf von ihm, und es war klar: Es wird ein weiteres Treffen geben. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Weitere Treffen folgten ... Stück für Stück wurde meine Behinderung von der Haupt- zur Nebensache, und immer mehr gemeinsame Interessen und Einstellungen rückten in den Mittelpunkt und zeigten uns, wie viele Gemeinsamkeiten wir hatten. Gut einen Monat nach unserem ersten Treffen war klar, dass wir es gemeinsam versuchen würden.
Ich hoffe, dass diese Geschichte mehr Leuten Mut macht, auch mal ungewohnte Wege zu gehen ..."