"Wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein, schrieb mir vor 50 Jahren ein Onkel ins Poesiealbum. Recht hat er gehabt. Man kann vieles planen, manches beeinflussen, einiges steuern. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Nachdem die schlimmste Trauerzeit überwunden war und mit Arbeit, Hobbys und Familie das Leben wieder einen Sinn machte, fehlte mir eines nach wie vor. Ein Partner. Einer für Freud und Leid, für gute und für schlechte Zeiten. Doch woher nehmen? Mit 56 Jahren ist das Sortiment der potenziellen Junggesellen doch schon etwas ausgedünnt, man bekommt keine Telefonnummern mehr zugesteckt in der Bahn, und in Diskotheken wirkt man wohl auch eher deplaziert. Selbst bei den Speeddates, bei denen jeder Teilnehmer 5 Minuten Zeit fürs gegenseitige Kennenlernen hat, sind Oldies (älter 45 Jahre) nicht zugelassen. Warum eigentlich? Haben die nichts mehr zu erzählen? Riechen die nach Erde? Und obwohl es heißt, das Alter spielt nur bei Käse und Wein eine Rolle - ich hatte wenig Lust auf das Angebot meiner Freundin. Sie ist Altenpflegerin, und ihr 83-jähriger Pflegling wünschte sich sehnlich eine Frau. So Mitte 50 etwa. Das hat noch etwas Zeit.
Also begab ich mich auf die Suche im Internet. Kontaktbörsen scheinen ja total 'in' zu sein. Leider auch bei vielen Schaulustigen, die nur mal so reinschauen wollen - als Pausenbeschäftigung oder Fernseh-Ersatz. Eine dieser Börsen belohnt mich noch heute dafür mit regelmäßigen Spams. Nein danke. Ich meinte es ja ernst mit der Partnersuche. Bei Parship kostet es zwar eine Kleinigkeit, dafür kann man ziemlich sicher sein, dass dort nur Personen Mitglied werden, denen die Suche etwas wert ist. Voll Hoffnung und Optimismus trug ich mich dort ein. Allerdings ging die Hoffnung im Laufe der Zeit wieder etwas verloren. Die Suche über große Distanzen kam in meinem Alter nicht mehr in Betracht. Zu tief war ich inzwischen in Brandenburg verwurzelt. Auf Seniorentreffen hatte ich noch keine Lust. Da war das Angebot recht übersichtlich. Mancher Mann erwies sich dann noch als ziemlicher Schaumschläger. Auf den Skaterbahnen müsste es wimmeln vor lauter sportlichen, gut aussehenden 50ern und 60ern. Merkwürdig, bei uns habe ich solche Altergruppen noch nie gesehen. Ausnahme ist der alte Herr, der selbst bei 10 Minusgraden noch in der Krachledernen vorbeizwitschert und dabei was vom Holzmichel singt. Und mit den literaturinteressierten Fußballern sind wohl eher die Sportschau sehenden Couchpotatos beim Lesen des Kickers gemeint.
Es gab einige Dates. Und Enttäuschungen. Da verabschiedet sich nach einem netten Kaffeebesuch der 'Kontakt' stillschweigend mittels Löschtaste. Da gingen E-Mails hin und her und plötzlich Schweigen im Wald. Oder auf eine Kontaktinitiative kommt keinerlei Reaktion. Das ist nicht ganz einfach zu verkraften, nagt es doch heftig am Selbstwertgefühl. Liegt es an meinem Profil? Liegt es an meinem Äußeren? Bin ich unausstehlich? Wieso meinen eigentlich die meisten Männer, dass es reicht, seine Größe, Kinderzahl usw. bekannt zu geben? Nur selten ist bei dieser Spezies das 'Ich über mich' ausgefüllt oder ein Bild beigefügt.
Nach fast einem Jahr Suche hatte ich im Sommer 2006 das Projekt Partner endgültig begraben und mich auf ein künftiges Singledasein eingestellt. Liebe und Talent zum Singen kann man eben nicht erzwingen. Immer konkreter plante ich den Umzug in eine kleinere Wohnung. Nur sporadisch schaute ich noch in Parship rein. Mehr aus Langeweile denn aus echtem Interesse kontaktierte ich R., dessen Postleitzahl mit den gleichen Ziffern wie die meinige begann. 'Hallo Herr Inschenör, kann es sein, dass du ganz in meiner Nähe wohnst? ...' Damit traf ich wohl ins Schwarze. Der Herr Ingenieur war völlig verunsichert. Will sie mich auf den Arm nehmen, oder hat sie eine Rechtschreibschwäche? Seine Neugier besiegte die Müdigkeit, und so folgte eine Antwort, eine neue Frage, eine neue Antwort, eine neue ... bis zur Empfehlung: Ruf mich doch einfach an.
Von dem Moment an war Parship überflüssig. Gute Arbeit. Danke. Es folgten lange Telefonate, bei denen wir ständig Neues entdeckten. Gemeinsame Erlebnisse, gemeinsame Interessen, gemeinsame Ansichten. Und dann das erste Date. Da stand er nun. Mit schelmischem Blick und einem Blumensträußchen. 'Ich bin ganz schön aufgeregt'. Welcher Mann gibt so etwas zu? Da war es endlich. Dieses Kribbeln im Bauch und die gleichen Gefühle. Seither werden wir zwar oft belächelt (die schicken sich SMS wie die jungen Hühner ...), aber es ist eher eine echte Freude - über uns und mit uns. Wussten doch alle, dass wir beide eine traurige Vergangenheit hinter uns hatten. Und vor uns eine glückliche Zukunft. Übrigens: Heute rollt der Umzugswagen. Wir wünschen allen Parshippern ähnliche Erfolge, denn zu JEDEM Topf passt ein Deckel, auch wenn er nicht immer schnell zu finden ist."