Helen:
"Auf die PARSHIP-Seiten bin ich aus Zufall gestoßen - oder doch eher, weil ich mich nach einigen nervtötenden Affären nach einer soliden Beziehung sehnte. Habe den Test erst mal aus Neugierde gemacht und war dann über einige der Ergebnisse ziemlich überrascht. Zum Beispiel über 134 (!) Aktivitätspunkte.
Dann kamen Vorschläge, und ich konnte meine Neugierde nicht mehr bezwingen. Tief in der Nacht war das. Ich meldete mich bei PARSHIP an. Am nächsten Morgen der erste Gedanke: Wie konntest du so viel Geld zum Fenster rausschmeißen! Trotzdem: wenn ich von der Arbeit kam, war mein erster Gang zum Computer, um meine Mails abzurufen. Es kamen so viele Vorschläge und Anfragen, dass ich meine Suche bald radikal einschränkte: auf mein und ein Nachbar-Bundesland. Ich hatte keine Lust auf Flirt-Tourismus und Wochenend-Beziehung. Nach zwei Wochen hatte ich einen Kollegen an der Angel, der kaum 30 Kilometer von mir weg wohnt. Das war Felix. (Auch er hatte diese beängstigenden 134 Aktivitätspunkte - und sonst noch einiges, das zu meinem Profil passte.) Wir mailten ein bisschen, telefonierten mal und verabredeten uns in der nächsten Metropole auf dem Hauptbahnhof (mit Gedanken an Romantik haben wir uns also nicht aufgehalten).
Als ich ihn zum ersten Mal sah, dachte ich - erstens: Ich bin zehn Minuten zu spät, und er ist immer noch gut drauf - klasse! Und zweitens: Er trägt einen Ohrring und kommt mit Sportschuhen zum ersten Date - vergiss es! Dann zogen wir gemeinsam durch die Stadt, gingen essen und danach in eine mäßig interessante Kneipe, und ich fand das alles nicht besonders aufregend. Unser Gespräch blieb sehr brav, sehr vorsichtig ... nicht so nach meinem Geschmack. Zwei Stunden später, wieder am Bahnhof, ließ er seine S-Bahn wegfahren, um bei mir zu bleiben, bis meine fuhr. Ich war schwer beeindruckt, denn ich steh auf Gentle-Männer. Gleichzeitig dachte ich: Die Mühe ist leider vergebens, mein Lieber! Am nächsten Tag mailte er, das sei ein kurzweiliges Date gewesen. Ich war anderer Meinung, aber das behielt ich für mich.
Kurz darauf fehlte mir ein Freizeitpartner fürs Kino. Felix war zwar für den Abend schon vergeben, wie ich erfahren musste, meldete aber gleich für den folgenden Samstag sein Interesse an. Na ja, why not. An dem Samstag fuhr ich - mal wieder etwas knapp mit der Zeit - zum Bahnhof, um ihn abzuholen. Er stand schon draußen, als ich ankam, und plötzlich war es ganz anders als erwartet. Wow, was für ein hübscher Kerl! Die nächsten Stunden waren voller Witz und Romantik. Ich war e x t r e m überrascht.
Als ich ihn viel, viel später, als die S-Bahnen schon schliefen, nach Hause fuhr, umarmten wir uns sogar zum Abschied. Auf dem Heimweg hatte ich Schmetterlinge im Bauch ... Tja, das war der Anfang und ist nun sechs Monate her. Und was danach kam, war nicht schlechter ... Und manchmal, wenn wir wieder mal einen Sonntag im Bett verbringen, witzeln wir über unsere 134 Aktivitätspunkte: 'Du, die müssen die irgendwie virtuell addiert haben, meine 67 und deine 67.' Oder, nach dem Sex: 'Jetzt weiß ich, wo deine 134 Aktivitätspunkte herkommen!'"
Helen (38), Journalistin
Felix:
"Der Trick mit dem kostenlosen Test ist wirklich gut. Und die ersten Kontaktgesuche/ -vorschläge geben einem den Rest. 'Ja, ich will', sprach meine innere Stimme, während die Hand die Kreditkarte zückte. Eine Freundin hatte mir von ihrer begeisterten Surferei bei PARSHIP erzählt. Nach einem Jahr Solosein war ich dieser Kennenlernvariante nicht abgeneigt. Sie ist dem Alter inzwischen angemessener als das Ansprechen in der Disco - was ich im Übrigen sowieso nie praktiziert hatte.
Es lief auch richtig gut an. Schnell waren die ersten Kontakte per Mail geknüpft. Eigene Anfragen (R2D2 für C3PO ...) wurden beantwortet, und - oh Wunder - Frauen sagten 'wanted', als sie meinen Steckbrief sahen. Doch diejenige, mit der ich die höchste Matching-Punktzahl teilte, klickte mein Gesuch einfach weg. Ts, ts, ts ... Gefallen hat mir, dass ich eine Vorauswahl treffen konnte. Halterinnen von Haustieren (Zwerghase ...) waren nicht mein Fall, Raucherinnen und Kirchenmusikerinnen auch nicht. Auch das 'Hobby Fernsehen' reizte mich nicht wirklich. Ich achtete darauf, dass die Aktivitäten übereinstimmten. So mailte ich und telefonierte, tauschte Fotos, plante und verabredete meine ersten Dates. Ich beschloss, Freunde im Rheinland zu besuchen. Auf dem Hin- und Rückweg ließen sich 'ganz zufällig' die ersten Angebeteten kennen lernen, dachte ich. Doch die eine meinte, ich käme erst eine Woche später, und die andere kam gar nicht erst zum Bahnhof. Immerhin hatte ich ein schönes Wochenende mit meinen alten Freunden.
Dann sprang Helens Steckbrief in meine Match-Box. Eine Kollegin, sprich die gleiche Branche. Na ja, las sich ganz nett. Mal abwarten. 169 cm waren nicht die Traumgröße, die ich mir mit meinen 194 cm vorgestellt hatte. Ich war ja noch mit den ersten Kontakten beschäftigt. Doch dann kam ein Kontaktgesuch von ihr. Hatte sie doch glatt auch meinen Steckbrief bekommen. Sehr aufschlussreich. Wir mailten. Über Arbeit, über Wohnen, über Freizeit, über das Leben. Und dann das: Sie fragte 'Apropos Meditieren: Hast Du irgendwelche Neigungen zur Esoterik? Oder bist Du ein knallharter Materialist? (Das will ja auch keiner sein, gell?)' Oh Mann. Esoteriker oder Materialist - tolle Auswahl, die sie mir da zur Verfügung stellte. Schwarz oder weiß - ich antwortete grau. Hatte aber schon ein wenig die Lust verloren. Bloß nicht so eine mit Räucherstäbchen und Tarotkarten. Das wär für mich als pragmatische Jungfrau ja nichts. Mit anderen hatte ich schon Fotos getauscht. Helen schlug direkt ein Treffen vor, da wir so nah beieinander wohnten. Na ja. Warum nicht? Wurde ja auch Zeit, dass was klappte nach den Reinfällen vom Wochenende zuvor. Am Telefon hatte sie mich noch nicht so richtig überzeugt. Sie schien nicht gerade vor Energie zu sprühen, war sehr bedächtig und abwägend und - vor allem - schien meine Witze nicht so lustig zu finden.
Treffpunkt Hauptbahnhof. Sie kam später. Prompt verwickelte mich jemand in ein Gespräch. Thema: Haste mal vier EUR für 'nen Teller Nudeln. Na super. Ich treff vielleicht die Frau meines Lebens, und sie macht gleich wieder 'ne Biege, weil sie den Typen für 'nen Kumpel von mir hält. Dann kam sie auf mich zu und streckte ihre Hand aus. Sehr gut. Das erste Problem gleich gelöst. Stundenlang hatte ich zuvor überlegt, wie man sich begrüßt beim ersten Treffen. Eine vorsichtige Umarmung zur Begrüßung? Nur ein Hallo ohne Anfassen mit hängenden Armen? Händeschütteln? Aber war das nicht zu spießig? Nicht schlecht für den Anfang, schoss mir durch den Kopf, als ich sie nochmals anschaute. Vielleicht hätte ich mich auch ein wenig schicker machen sollen. Hätte ich wenigstens die schwarzen Schuhe wie geplant angezogen und nicht die Trecking-Halbschuhe. Irgendwas musste ich ja vergessen. So war ich halt mehr der Treckingtyp. Aber sie wanderte angeblich ja auch gern. Und schließlich hatte ich ja noch fünfeinhalb Monate Zeit bei PARSHIP. Da muss man doch nicht gleich die erste Beste nehmen.
Ich mimte den Stadtführer. Schlug ein Café vor. Das Essen schmeckte ihr wohl, das Umfeld gefiel ihr weniger. Sie wollte noch ein wenig durch die Stadt laufen. Na gut, wenn's der Beziehungsfindung dient. Wir plauderten, stellten fest, dass wir zur gleichen Zeit das Gleiche in Berlin studiert hatten. ('Da müssen wir wohl schon mal gemeinsam in der Mensaschlange gestanden haben, ohne es zu merken.') Aber die sprühende Unterhaltungskünstlerin war sie nicht. Und meine Motivation hielt sich auch in Grenzen. Der Abend plätscherte so dahin. Ich brachte sie zur S-Bahn. Eine kurze Umarmung. Das war's - vorerst. Ohne große Gefühlsausschläge fuhr ich nach Hause.
Ich mailte ihr am nächsten Tag, dass ich den Abend 'kurzweilig' fand. Das stimmte nur zum Teil. Dafür, dass wir uns vorher noch nie gesehen hatten, war der Abend in Ordnung. Aber wir waren beide doch recht förmlich, vorsichtig und zurückhaltend. Hinzu kam, dass sich bei mir der Eindruck verstärkte, dass sie einfach nicht über meine Scherze lachen konnte. Sie antwortete, ging aber nicht weiter drauf ein. Auch sie war nach dem Abend offensichtlich nicht in Ohnmacht gefallen. Ein paar Tage später bekam ich von ihr eine SMS. Spontan ins Kino? Musste ich leider absagen, da ich mein nächstes PARSHIP-Date hatte. Wir verabredeten für Samstag einen Kinobesuch.
Am Samstag war alles anders. Ich war besser angezogen, wir beide waren besser drauf. Wir lachten viel, spazierten übers Volksfest. Erste Aufforderungen ('Mir ist kalt, setz dich doch mal bitte neben mich.') ignorierte ich nicht gänzlich, blieb aber sehr zurückhaltend. Spätvorstellung im Kino - im vollen Bewusstsein, dass dann meine letzte S-Bahn weg sein würde. Wollen sie einen Partnersitz, fragte die Kassiererin? Nein, schoss es aus Helen heraus. Das war ihre Antwort auf meine Zurückhaltung.
Nach dem Kino brachte sie mich nach Hause, immerhin 35 Kilometer. Und überfuhr gleich mal eine rote Ampel. Da dämmerte es mir. Schnellmerker. Langsam befasste ich mich mit dem Unausweichlichen. Sollte es etwa? Sollte es gleich die Erste? Sollte da wirklich jemand sein, der auf mich steht? Was war mit den guten Vorsätzen, das Angebot ausgiebig zu sichten, bloß nichts Unüberlegtes zu tun? Idiot, sage ich im Stillen. Denk mal nach. Wann ist dir das letzte Mal eine Frau über den Weg gelaufen, der du gefallen hast - und die zudem noch dir gefallen hat? Nutz die Gleichzeitigkeit. Mach jetzt nicht wieder den alten Fehler.
Ich machte keinen Fehler, sondern landete einen Volltreffer, zog den Hauptgewinn, gewann das große Spiel. Ich ahnte, dass es so kommen könnte, aber es dauerte noch, bevor die Wirklichkeit mit ihrer ganzen Härte zuschlug. Am Abend mit der roten Ampel fuhr sie brav nach Hause. Danach telefonierten wir ganz vertraut, fachsimpelten über Sternzeichen, über Beziehungen, über Urlaube. Zufällig hatten wir beide in Kürze zur gleichen Zeit Urlaub, aber noch keine konkreten Pläne für die zweite Ferienwoche. Was lag da näher, als diese Zeit gemeinsam zu verbringen? Wir planten eine Wanderung von Hütte zu Hütte in den Alpen. Das war ganz unverfänglich. Mit vielen anderen im Schlafsaal, da konnte nichts passieren. Aber zuvor hatte ich noch Geburtstag. Da passierte es! In der Nacht meines Geburtstages wurde unsere Liebe geboren. Und seitdem wird sie von Tag zu Tag größer, wächst und gedeiht prächtig. Ein Hüttenschlafsaal war dann im Urlaub kein Thema mehr ..."
Felix (38), Journalist