"Nach dem Scheitern meiner Ehe fand meine älteste Schwester, ich müsse mal wieder aus dem Trauerloch kommen und solle dazu Parship probieren. Immerhin hatte sie ihren Freund über diesen Weg kennen gelernt und war der Meinung, ich dürfe auch nicht länger alleine sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich über das Internet jemanden kennen lernen könne, der zu mir passt und war eher skeptisch. Sie allerdings - inzwischen fast missionarisch unterwegs - ließ nicht locker. Also mal schauen, schadet ja nicht, dachte ich und nach dem ersten Besuch auf der Parship-Seite war mir schnell klar: Entweder ich melde mich jetzt richtig an, oder ich lasse es ganz. Ein halbes Jahr investiere ich, so dachte ich. Gesagt, getan: schnell kamen die ersten Anfragen.
Zunächst habe ich sie erst mal abgewimmelt. Ich kann mich doch nicht mit einem wildfremden Mann treffen, so meine etwas widersinnige spontane Reaktion. Aber nach einigen Wochen wurde ich mutiger und fing an, einige Herren zu treffen. Ich machte die unterschiedlichsten Erfahrungen: sehr nett - aber kein Funke, Funke beim Telefonieren - passt dann aber doch nicht, Funke im richtigen Leben - aber nur bei ihm, Funke im richtigen Leben - aber nur bei mir. Meine Euphorie nahm ab, ich schaute ohne große Hoffnungen immer mal, wer auf meiner Seite gewesen war. Und da stieß ich eines Tages auf ein interessantes Profil. Ein Mann nicht zu weit weg, der an Romantik und tiefe Gefühle glaubt, das Kind in sich immer spüren will und liebend gerne mal wieder tanzen würde.
Okay elf Jahre älter als ich, das war die magische Obergrenze ..., aber mal anschreiben kostet ja nichts. Er schrieb durchaus interessant und interessiert. Relativ bald bat ich ihn um ein Treffen. Lange mailen, so hatte ich für mich entschieden, gibt zuviel Gelegenheit zum Projizieren von Wünschen, was die Ernüchterung umso größer werden lässt. Meine direkte Art hat ihn nicht zurückschrecken lassen. Wir verabredeten uns also für den darauffolgenden Sonntagabend und mailten trotzdem noch ein paar Mal hin und her. Er hat zwei schon große Kinder in Süddeutschland und fährt fast jedes Wochenende hin. Beim Telefonieren hörte er sich sehr sympathisch an, aber ein Mann, der die Woche über arbeitet und am Wochenende immer weg ist? Merkwürdigerweise wollte ich ihn trotzdem unbedingt kennen lernen - das Bild sah so nett und sympathisch aus ...
Sonntagvormittag hatte ich ein komisches Gefühl und schaute noch mal ins Postfach. Merkwürdig, als ob ich die Stimmung über die Entfernung gespürt hätte. Er hat abgesagt. Seine Mutter sei plötzlich krank geworden. Auweia, was ist das, dachte ich, entweder es stimmt und es ist was Ernstes, oder die Sache ist irgendwie faul. Noch am selben Abend rief er dann an, erzählte genauer was passiert war. Er bedauerte wirklich das Treffen verpasst zu haben, das konnte man spüren. Und er war sehr an einem baldigen Nachholen des Treffens interessiert. Der einzige mögliche Termin in der kommenden Zeit war gleich der nächste Tag, da waren meine Kinder bei ihrem Papa. Und so wurde es festgelegt.
Am nächsten Abend stand ich also nach einem anstrengenden Arbeitstag mit von meiner Freundin frisch gepuderter Nase aufgeregt auf dem Marktplatz, der kleinen Altstadt, in der ich arbeite. Er war noch nicht da. Da kam ein Mann im Anzug, stellte sich auf unseren Treffpunkt, schaute genervt auf die Uhr. Mein Herz rutschte in die Hose, nein bitte nicht der... Der Fremde drehte sich um und ging weiter. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Eine Minute später betrat er den Platz, Gott sei Dank. Ein bisschen anders hatte ich ihn mir vorgestellt, aber sympathisch sah er auf jeden Fall aus. An diesem Abend gingen wir spazieren, unterhielten uns völlig ungezwungen über Gott und die Welt, teilten einen Salatteller, gingen wieder spazieren und ohne irgendeinen Zweifel wurde mir schnell klar: Ich wollte ihn gerne weiter kennen lernen.
Ein interessantes Leben, sympathische Ausstrahlung, Humor und Witz, Intelligenz, eine sportliche Figur, Ungezwungenheit, Wohlfühlgefühle und plötzlich, wie wir so gehen, legt er doch den Arm um mich - Na, wie finde ich das? Eigentlich okay, aber ist das nicht zu schnell, fragte mein Kopf das Herz? Er begleitete mich zu meinem Auto, und ich fuhr ihn zu seinem Auto, als er sich verabschiedete, küsste er mich - oder ich ihn? Ich weiß es nicht mehr, aber es fühlte sich gut an, sehr gut. So gut, dass ich ihn eigentlich nicht hätte gehen lassen wollen. Zuhause schrieb ich ihm dann eine Mail voller Hieroglyphen, die meinen Gemütszustand beschreiben sollte, das Chaos wiedergeben, das er in mir angerichtet hatte. Er antwortete im gleichen Stil, verstand was ich sagen wollte. Bis zum nächsten Treffen dauerte es eine Woche - Oje, eine ganze Woche.
Wir telefonierten täglich, simsten häufig und in mir tobten die Gefühle, mal erwischte mich Sehnsucht und Verlangen, dann Skepsis, Zurückhaltung, Angst. Die Realistin in mir warnte mich, das kann nicht sein, so schnell. Du kennst ihn nicht, weißt nichts von ihm. Erst als er dann wieder real auf mich zukam, war alles klar. Ja das ist er! Wir unterhielten uns auf einem endloslangen Spaziergang, erzählten aus unseren Leben, tauschten Informationen aus, die die Gefühle des Zusammengehörens untermauerten. Seit diesem Abend sind wir ein Paar, sehen uns fast täglich, wann immer es geht. Keine Zweifel mehr und alle Schwierigkeiten entpuppten sich als nicht so schwierig, alles Schöne und Gute ist wunderbar. Ich habe einen Mann gefunden, bei dem ich mich wohl und geborgen fühle, der mir die Nähe gibt, die ich brauche, ohne mich einzuengen, der mich nicht besitzen will. Ein Mann, der spürt, wenn es mir schlecht geht, wenn eine Schieflage eintritt und der dann mit mir spricht, der schätzt und achtet, was ich ihm an Liebe schenke. Ich freue mich auf unsere Zukunft."