"Dem schwarzen Auto entstieg eine ausgesprochen attraktive Frau. Susanne. Beschleunigter Puls. Kurzes Durchatmen. Sicher - sie hatte mir ihr Bild freigegeben, und wir hatten sehr viele Nachrichten ausgetauscht und miteinander telefoniert, aber sie das erste Mal zu sehen, brachte mich ein wenig aus der Fassung. Wie begrüßt man jemanden, mit dem man schon so viel gesprochen hat und von dem man schon so viel weiß? Wir hatten uns auf einen Wangenkuss geeinigt, und so berührte ich sie flüchtig. Lächeln. Hallo Susanne. Hallo Dirk.
Das Restaurant hatte noch nicht geöffnet. Ein erster Spaziergang. Bei der Auswahl meiner Garderobe hatte ich mehr auf Aussehen als auf Zweckmäßigkeit Wert gelegt, und so fror ich entsetzlich. Ein erstes Gespräch. Es begann zu regnen. Ich spannte den Regenschirm auf, legte meinen Arm um ihre Taille und zog sie zu mir heran. Lachen, als ich ihr erklärte, ich tue das lediglich, um sie vor dem Regen zu schützen.
Nach dem Essen: Besuch einer gemütlichen Kneipe. Ihr Lächeln begann mich zu verzaubern. Ich griff ihre Hände und streichelte sie. Zum Abschied: Ein flüchtiger Kuss auf die Lippen. Gefunkt hat es an diesem ersten Abend nur bei mir. Ich sei ihr sympathisch, sagte sie, und bot mir ihre Freundschaft an.
Also ging ich das zweite Rendezvous sehr gelassen an, weil ich nicht daran glaubte, dass mich mit Susanne mehr verbinden könne als eine platonische Liebe. Sie hatte einen Tisch bei einem gemütlichen Italiener reserviert. Während des Gesprächs musste ich an Glenn Gould denken und fragte sie, ob sie sich etwas auf meinem Handy anhören wolle. Zunächst: die Aria aus den Goldbergvariationen (Aufnahme von 1981). Dann: die 31. Klaviersonate, Opus 110 von Beethoven (erster Satz). Dann folgte etwas, was ich nicht eingeplant hatte: Sie hielt das Telefon ans Ohr, neigte den Kopf zur Seite und lächelte. Ich konnte meinen Blick nicht abwenden von ihren Lippen und ihrem dunkeln Haar. Atemlose Stille trotz der Gespräche um uns herum. In diesem Moment habe ich mich unsterblich in sie verliebt. Ich will dich, Susanne. Ich werde dich heute küssen, Susanne. Letzteres gelang mir an diesem Abend. Keine Spur mehr von Gelassenheit.
Es folgten Tage zwischen Hoffen und Bangen. Tage, in denen ich meinen ganzen Charme aufbringen musste, um die Schöne zu erobern. Schließlich gewann ich ihr Herz, und ich frage mich heute noch: Habe ich sie oder hat sie mich erobert? Außerdem: Welchen Anteil hatte Glenn Gould daran?"