"Es war die unwirtschaftlichste Investition meines Lebens - und gleichzeitig hätte ich mein Geld nicht besser anlegen können. Es war die beste Schnapsidee, die ich je in einer Mittagspause hatte. Und wenn ich daran denke, wie leicht wir uns hätten verpassen können, wie einfach sich unsere Wege NICHT hätten kreuzen können, dann wird mir ganz schwindelig. Aber von Anfang an.
Ich hatte nach einer vierjährigen Beziehung, die Anfang 2009 still und leise und ohne böses Blut in die Brüche gegangen war, ziemlich die Nase voll von dem Geschäft. Nicht der Richtige - wieder einmal. Ich war froh, erst mal wieder allein zu sein, meine vier Wände für mich zu haben und fröhlich meiner Wege gehen zu können. Mit 35 kam ich langsam zu der Überzeugung, dass der richtige Mann für mich wohl erst noch gebacken werden muss bzw. dass ich selber das, was ich mir von einer Beziehung wünsche, und vor allem das, was ich selber zu geben in der Lage und bereit bin, mal gründlich überdenken sollte. Das tat ich. Und kam zu dem Schluss, dass ich bisher einfach immer zu feige gewesen war, mich mit Haut und Haaren auf jemanden einzulassen. Und stellte außerdem nach drei oder vier Monaten fest, dass Alleinsein ziemlich ätzend ist, egal, wie unabhängig und selbstständig man ist, wie gern man seinen Job macht und wie viele gute Freunde man hat. Es kam der große Katzenjammer, das Gefühl, dass das ja wohl bitte nicht alles gewesen sein kann. Und dann jene schicksalhafte Mittagspause am 3. Juni 2009.
Ich trieb mich, während ich am Schreibtisch saß und mein Brötchen aß, ein wenig im Internet herum und sah eine Parship-Anzeige aufflackern, die ich schon häufiger gesehen hatte. Das Portal war mir bekannt, da mein Bruder sich dort schon mal umgetan und mir davon erzählt hatte. Ich dachte 'Zur Hölle damit, ob ich nun in die Kneipe gehe oder mal bei Parship nach interessanten Männern Ausschau halte, ist doch eigentlich wurscht - ist bestimmt spannend'. War es auch. Ich meldete mich an, klickte mich neugierig durch den Fragebogen für meinen Persönlichkeitstest und hatte Spaß. Ich sah mir die Partnervorschläge an, wurde neugierig und entschied mich, gleich eine 6-Monats-Mitgliedschaft abzuschließen - viel hilft viel.
Ich bekam sofort eine ganze Reihe Spaß-Matches und netter Kontaktanfragen. Und irgendwie stolperte ich über diesen Satz. Er stand unter 'Was mich gerade bewegt' und lautete 'Die Hochzeitsrede für meinen besten Kumpel André schreiben.' Ich habe bis heute keine Ahnung, was daran mich dazu reizte, den Kerl anzuschreiben - dessen Profil zudem noch nicht mal komplett ausgefüllt war. Ich schickte ihm - ohne nachzudenken, wie das bei mir gerne mal der Fall ist - einen kurzen Kommentar: 'Und wenn du damit fertig bist, füllst du dann mal dein Profil aus? Man sieht ja gar nix von dir'.
Der Arbeitstag verging, ich freute mich über die viele Post in meiner Mailbox und gratulierte mir innerlich zu dieser unterhaltsamen Möglichkeit, Leute kennen zu lernen. Feierabend, Rechner aus. Ich traf mich abends mit einer Freundin, die auch schon Erfahrungen mit Partnerbörsen hatte, ich erzählte ihr von meinem interessanten Tag und wir hatten einen netten Abend. Als ich nach Hause kam, konnte ich nicht widerstehen: Rechner an, Mailbox checken. Und da die Mail von Oliver: 'Yes, Drill Instructor. Von dir sieht man aber auch nicht viel mehr.' Bamm. Kurze, genauso rotzfreche Antwort, wie es meine Frage gewesen war - und der Kerl hatte mich an der Angel. Obwohl es schon ziemlich spät war, schrieb ich sofort zurück, erklärte, dass es mein erster Tag bei Parship sei und mein Profil noch geprüft werde, er also noch ein wenig auf meine Versuche der Selbstvermarktung warten müsse. Er antwortete postwendend - juhu, ein nachtaktiver Mensch, passt ja prima. Es gingen noch ein paar Mails hin und her an diesem Abend, am nächsten und übernächsten Abend schrieben wir uns bis morgens um halb drei. Er erzählte, was ihm so gerade in den Kopf kam, ich tat dasselbe. Ich mochte den Ton seiner Mails und den Humor, die Lebenslust und die Offenheit, die aus den Zeilen klangen. Wir stellten fest, dass an den 87% Matching, die Parship uns bescheinigte, etwas dran sein muss - kaum ein Thema, bei dem wir uns nicht etwas zu sagen hatten. Der Grundton stimmte einfach.
Es folgte ein langes Wochenende, an dem wir beide auf Reisen waren - 'Die einzige Möglichkeit, dich mitzunehmen: 0178/...' Ich hatte also seine Handynummer. Und schrieb Samstagabend eine SMS - auf die keine Antwort kam. Ich prüfte die Nummer ungefähr zwanzigmal - sie war richtig, der Kerl schrieb nur nicht zurück. Dann Sonntag, Spätnachmittag, SMS von ihm: 'Sorry, hatte mein Ladekabel vergessen.' Puh ... Es folgten weitere Nachtstunden am Rechner - und schließlich die Frage 'Wann gehen wir ein Kölsch zusammen trinken?' Der 10. Juni bot sich an, da der darauf folgende Donnerstag ein Feiertag war.
Also Treffen. Was mir noch ein wenig Gedanken machte: Das einzige Bild, das ich von dem, den ich da treffen wollte, vor Augen hatte, war ein aus der Distanz und im Gegenlicht aufgenommenes Foto von einem halben Oliver am Strand von Frankreich. Sehr viel Platz für Interpretationen also. Am Tag unseres Treffens schickte er mir zwei weitere Bilder - und ich dachte, ups, das sieht ja total fremd aus, ganz anders als das Bild, was ich in all den langen Stunden des Mailens im Kopf hatte. Kleiner Panikanfall - was, wenn er mir nicht gefällt?
Ach ja, das war übrigens der zweite Panikanfall: Nach der Nummer mit dem Ladekabel hatte am selben Sonntagabend mein Handy geklingelt, im Display Olivers Nummer. Und obwohl wir zwei Sekunden vorher noch - inzwischen über Skype - gechattet hatten, bin ich nicht rangegangen. Klassischer Fall von kalten Füßen: Ich bin schrecklich am Telefon, vor allem, wenn ich jemanden noch nicht kenne, und irgendwie hat mir die anonyme und zugleich total intime und offene Atmosphäre des Mailens bzw. Chattens gefallen. Ich wollte sie gar nicht so schnell von der Realität überlagert haben.
Dann der Abend des Treffens. Ich war ein paar Minuten vor Oliver an der verabredeten Kneipe und bestellte schon mal ein Kölsch gegen die innere Zappeligkeit. Dann tauchte er auf - und war weder der halbe Oliver vom Strand noch der von den beiden Bildern, die ich am Morgen bekommen hatte. Es war ein dritter Oliver - und mir auf Anhieb der Liebste von den Dreien. Anlaufschwierigkeiten gab es nicht, wir nahmen den Gesprächsfaden einfach da auf, wo wir ihn beim Mailen bzw. Chatten fallen gelassen hatten. Nach zehn Minuten wusste ich, dass das ein richtig netter Abend werden würde. Beim Essen später beim Spanier wusste ich, dass Oliver mir verdammt gut gefällt. Und noch später, beim Tequila am Tresen seiner mexikanischen Lieblingsbar, wusste ich, dass ich diesen Mann haben will.
Ich habe ihn. Und er hat mich. Mit Haut und Haaren. Seit mehr als einem halben Jahr. Und hoffentlich für immer, so fühlt es sich jedenfalls an. Es hat genau einen Tag bei Parship gebraucht, um ihm zu begegnen - soviel zu der Viel-hilft-viel-Maßnahme einer 6-Monats-Mitgliedschaft. Aber was soll's, ich sagte ja bereits, besser hätte ich mein Geld nicht anlegen können. Ach ja: Die Hochzeitsrede, die Oliver für seinen besten Kumpel André geschrieben hat, habe ich übrigens gehört: live, am Abend der Hochzeitsparty."