"... alles begann damit, dass meine Freundin mich von den Vorzügen einer Internetbekanntschaft überzeugen wollte - sie war der Meinung, dass es nach einem Jahr Singledasein wieder Zeit für was Festeres wird. Stundenlang wurde ich also bearbeitet, dass es heute absolut normal ist, sich auf diesem Weg kennenzulernen, dass ich mich nicht so anstellen sollte und überhaupt, schließlich hat sie ihren Mann auch so kennengelernt. Aber so leicht war ich natürlich nicht zu beeindrucken ... Pah, da könnte ja jeder daherkommen. Außerdem lernt man doch die ganz große Liebe sicherlich nicht über das Internet kennen, sondern ein wahrer Prinz kommt auf dem Schimmel angeritten und rettet die Prinzessin aus einer brenzligen Situation ... Ja, da war ich mir absolut sicher, so und nicht anders. Doch es sollte anders kommen, ganz anders ...
Am nächsten Tag erhielt ich eine E-Mail von Parship (das war übrigens auch die Online-Partnerschaftsagentur, die mir meine Freundin ans Herz gelegt hatte) mit dem Angebot, einen unverbindlichen Persönlichkeitstest zu machen. Selbstverständlich landete diese Mail sofort im Papierkorb ... immerhin ganze zehn Minuten! Guuut, es kann ja wohl nicht schaden, einen solchen Test zu machen, ich meine, das heißt ja noch lange nicht, dass ich mich bei sowas anmelden würde, es handelt sich einfach um einen Test ...
Es folgten meine ersten Spaß-Match-Einladungen und die ersten Kontaktanfragen, auf die ich ja erst antworten konnte, wenn ich mich als Premium-Mitglied angemeldet hatte ... Es war sehr aufregend, die ersten Kontaktanfragen zu beantworten. Ja und ich musste feststellen, im Prinzip war es wie im ganz normalen Leben auch. Manche Männer waren einem überhaupt nicht sympathisch, andere schon eher, ja und dann gab es noch die Männer, die mich mit ihren Profilen und den E-Mails tatsächlich angesprochen haben. So kam es, dass ich eine sehr liebe E-Mail aus Österreich bekommen habe (nicht gerade der nächste Weg, ich weiß), die mich alle anderen E-Mails, die ich bis dahin bekommen hatte, vergessen ließ.
Ja, irgendwie passte alles, das Profil, die Mails, das Aussehen ... einfach alles! Wir schrieben uns also ein paar E-Mal hin und her, bis Max sich in den Urlaub verabschiedet hat, natürlich mit dem festen Versprechen, mir zu schreiben! Allerdings blieb es bei dem Versprechen ... und somit hatte ich erst mal die Nase voll von Parship und ignorierte die Mailbox für mindestens zwei Wochen. Glücklicherweise stand auch mein Wellnessurlaub vor der Tür, und ich konnte mich voll und ganz darauf konzentrieren. Aber konnte ich einfach in den Urlaub fahren, ohne noch wenigstens einmal in die Mailbox zu schauen - Versprechen hin oder her, schließlich hatte ich es ja nur mir versprochen. Vielleicht hatte Max mir ja doch geschrieben, mit einer dramatischen Entschuldigung, warum er mir unter gar keinen Umständen hatte schreiben können.
Aber nein, auf einen Blick konnte ich erkennen, dass er mir nicht geschrieben hat. Dafür hatte ich ein paar neue Kontaktanfragen bekommen. So viel Selbstdisziplin habe ich dann doch nicht ... ein kurzer Blick in die erhaltenen Kontaktanfragen wird ja wohl erlaubt sein! Die ersten drei hatte ich gleich gelöscht - viel zu langweilig -, die nächste Mail war ganz nett, aber das Profil war etwas lieblos gestaltet, die E-Mail danach wieder furchtbar, und fast hätte ich die letzte E-Mail einfach gelöscht, aber zum Glück habe ich mir das Profil und die E-Mail dann doch in aller Ruhe angeschaut. Keine Ahnung, was es war, ob es das pfiffige, durchdachte Profil oder die ganz normale (weder langweilig noch völlig überzogen), freundliche E-Mail war, aber irgendetwas hat mich zum Antworten veranlasst, wenn auch nur ganz kurz, weil schließlich war ich ja im Kofferpackstress.
Ja, ich muss zugeben, mein erster Schritt nach dem Urlaub (zum Glück hat es sich nur um ein verlängertes Wochenende gehandelt) war der Blick in die Mailbox. Ob Tobi aus München - immerhin näher als Österreich - mir wohl geantwortet hatte? Ja, hatte er! Das war der Beginn einer wunderschönen, einmaligen Zeit, die ich nicht missen möchte! Wir schrieben uns jeden Tag (einige Wochen lang), und es war so unkompliziert, offen und lustig. Ich hätte Tobi stundenlang schreiben können. Außerdem habe ich in meinem ganzen Leben noch nie solche tollen E-Mails bekommen - ja, auch Max konnte da nicht mithalten. Zugegebenermaßen entwickelte sich das Ganze zu einer Sucht. Von der Arbeit fuhr ich direkt nach Hause, um in meine Mailbox zu schauen, oder aber meine Freundinnen mussten daran glauben (was sie auch mit einem Augenrollen taten), hat Tobi schon geschrieben oder nicht? Und wehedem, er hatte noch keine E-Mail geschrieben, da war es an meinen Freundinnen, mich wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen, schließlich schafft es kein Mensch, Tag und Nacht zu schreiben.
Und dann war es soweit, nein, nicht das erste Treffen, sondern ich fuhr mit meiner Freundin in den lang ersehnten Urlaub nach La Gomera. Bis dahin kam keiner von uns beiden auf die Idee, dass wir mal telefonieren, geschweige denn uns treffen sollten. Aber auch auf La Gomera hat der Fortschritt Einzug gehalten, es gab an jeder Ecke ein Internetcafé. So schrieben wir uns also, sehr zur Freude meiner Freundin, auch fast jeden Tag in meinem Urlaub. Ja, und dann war es soweit, Tobi teilte mir mit, dass es jetzt aber dann wirklich an der Zeit ist, dass wir uns treffen! Treffen?!?!? Bitte, wie?!?! Keiner hat was von einem Treffen gesagt! Ich meine, schließlich schreiben wir uns die weltschönsten E-Mails, wer will sich denn da treffen! Und überhaupt, was ist, wenn der tolle virtuelle Tobi nur virtuell toll ist und im realen Leben eine totale Niete?! Nein, also von einem Treffen war nicht die Rede, niemals! Meine Freundin musste viel Überzeugungsarbeit leisten, schließlich ist es doch normal, dass man sich irgendwann trifft, oder etwa nicht (sehr seltsame Ansicht, wenn man mich fragt), bis ich mich annähernd mit den Gedanken anfreunden konnte.
Tobi und ich waren uns allerdings einig, dass wir erstmal telefonieren sollten, bevor wir uns treffen ... ich war in meinem ganzen Leben noch nie so aufgeregt! Aber auch das klappte wunderbar, also was sollte da einem ersten Treffen noch im Wege stehen?! Alle Regeln missachtend, haben wir uns dann dazu entschlossen, dass wir uns bei mir in der Wohnung treffen ... und nein, Tobi ist im realen Leben keine Niete, sondern auch dort ein Volltreffer! Und ob sie bis an ihr Lebensende glücklich zusammenbleiben, ich weiß es nicht, aber ich hoffe es! Für den Anfang hat sich Tobi aber schon mal dazu entschlossen, einen Job in Nürnberg anzunehmen, und seit einigen Wochen hausen wir auch schon zusammen in meiner Wohnung ..."