Familie ist für die Deutschen das Wichtigste

Familie ist das Größte: auch bei den Kleinen

13.10.2014, von Christiane Lénard

„Wir sind keine Sorgenkinder“ so betitelt DIE ZEIT dieser Tage ein Dossier , in dem es um „die Lüge vom gestörten Kind“ geht. „Die Familie: eine Trümmerlandschaft. Die Schulen: kaputtgespart.“ Wirklich? Alles Unsinn. Unsere Kinder Egoisten und Tyrannen? Keineswegs. Nie ging es uns und unseren Kindern so gut wie heute. Und befragt man sie, dann bestätigen sie das, was wir vor lauter düsteren Schreckensmeldungen über die Kinderwüste Deutschland gar nicht mehr sehen können: Unsere Kinder sind glücklich. Mit uns Eltern. Mit der Schule. Mit ihrem Leben.

Kinderwertemonitor: Familie hoch im Kurs

Für 74 Prozent der Kinder in Deutschland ist die Familie das Wichtigste im Leben, so auch das Ergebnis des aktuellen Kinderwertemonitors der Zeitschrift Geolino und des Kinderhilfswerks Unicef. Befragt wurden 1.012 Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren.

Neben der Familie stehen bei den Kindern auch Freunde hoch im Kurs, 73 Prozent finden Freundschaft „total wichtig“. Für fast zwei Drittel der Kinder gilt dies auch für Werte wie Vertrauen, Geborgenheit und Ehrlichkeit. Weit abgeschlagen dagegen sind Geld und Besitz, sie spielen nur für 21 Prozent eine bedeutsame Rolle. Besonders spannend: Werte wie Mut, gute Manieren, Toleranz und Durchsetzungsfähigkeit gewinnen bei Kindern an Bedeutung. Zu ähnlichem Ergebnis kam vor kurzem auch die Shell Jugendstudie. Im Allgemeinen sind unsere Jugendlichen optimistisch und schauen zuversichtlich in ihre Zukunft. Traditionelle Werte erleben eine Renaissance.

Allerdings haben sich die sozialen Unterschiede verstärkt. Existenzielle Sorgen, so liest man im Bericht des Kinderwertemonitors, haben immerhin 38 Prozent der Kinder. Weitere 30 Prozent haben Verlustängste und sorgen sich um Andere. Daneben sind die Angst vor bestimmten Situationen, Tieren, Naturgewalten und Orten weitere typische Kinderängste. Ängste, die auch schon unsere Großeltern und Eltern in ihrer Kindheit plagten.

Null Bock-Generation?

Und wie sieht es mit der vielzitierten Unlust auf die Schule, der allgemeinen Disziplinlosigkeit und fehlenden Leistungsbereitschaft unserer Kinder aus? Auch hier erst einmal Entwarnung. Bildung halten die meisten Kinder für sehr wichtig. Und anders als uns die gesellschaftlichen Diskussionen Glauben schenken mögen, gehen sie auch zum überwiegenden Teil gern zur Schule. Dazu passt, dass Lehrer an Bedeutung für die Vermittlung von Werten im Vergleich zu den Vorjahren zugenommen haben. Zwar sind Eltern und Großeltern immer noch die wichtigsten Wertevermittler, aber ihre Lehrer nannten 80 Prozent der Kinder ebenfalls. Dagegen sehen nur 32 Prozent der Kinder Prominente als Vorbild.

War früher alles besser?

Was stimmt also nicht mit unseren Kindern? DIE ZEIT zitiert eine Lehrerin, die ihre Schüler „ganz wunderbar“ findet und neben so vielen Dingen, die sie besser können als die Generationen vorher, vage formuliert, dass sich „die Schüler heute etwas weniger konzentrieren können“. Aber war das früher wirklich anders? Ich kann mich an viele endlose Geschichtsstunden erinnern, von deren Inhalt der letzten 20 Minuten ich schon beim Pausengong nichts mehr wusste. Und mich hat man zu Schulzeiten sicherlich als sehr gute Schülerin, manchmal sogar als Streberin, bezeichnet. Vielleicht waren wir damals einfach so angepasst, dass wir unsere schwächelnde Konzentration statt mit Unruhe mit Wegdösen kompensiert haben. Letzteres ist nur weit weniger störend und auffällig für den Lehrer.

Auch wenn es unseren Kindern gut in der Schule gefällt, so fühlt sich nur jedes 5. Kind von den Lehrern ermutigt, seine Meinung zu sagen, obwohl es fast zwei Drittel der Kinder für wirklich wichtig halten, sagen zu dürfen, was man denkt. Immerhin sind sie sich ihrer eigenen Meinung bewusst. Und wie war das früher? In den 50iger Jahren ging man gar nicht erst davon aus, dass Kinder eine eigene Meinung haben könnten, geschweige denn, ein Kind hätte gewagt, sie zu äußern. Später kümmerte man sich einfach gar nicht darum, was die Kinder so den ganzen Tag treiben, was sie beschäftigt, man hielt sich aus allem raus und nannte das dann fortschrittlich „antiautoritäre Erziehung“. So viel Interesse, Engagement und Zeit für die eigenen Kinder brachte man zu keiner anderen Zeit als der heutigen auf.

Zeit ist relativ

Was die gemeinsam verbrachte Familienzeit angeht, haben Kinder und Eltern offensichtlich ohnehin unterschiedliche Auffassungen. Während die Mehrheit der Kinder mit der gemeinsamen Zeit zufrieden ist, empfinden es Eltern oft als schwierig, Familie und Beruf zu vereinbaren. „Berufstätige Mütter und Väter leiden mehr unter der knappen gemeinsamen Zeit als ihre Kinder. Die finden es überwiegend gut, wenn Mutter und Vater arbeiten.“ so Prof. Dr. Hans Bertram von der Humboldt-Universität Berlin. An einem normalen Werktag verbringen Mütter durchschnittlich 5,2 und Väter 2,9 Stunden mit ihren Kindern. „Eltern (…) nehmen sich in der Regel Zeit für ihre Kinder, auch wenn sie voll berufstätig sind – lieber verzichten sie auf Schlaf.“, so Bertram.

Überraschend und neu ist, dass sich gerade Väter sehr in der Verantwortung fühlen und innerlich zerrissen sind: Einerseits würden sie gern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, anderseits sind sie froh über ihre Arbeit und möchten ihrem Kind als Vorbild dienen. Auch wenn Väter in den letzten Jahren aufgeholt haben, nach wie vor ist die Mutter die hauptsächliche Betreuungsperson der Kinder. Selbst wenn sie in Vollzeit berufstätig ist, verbringt sie mehr Zeit mit den Kindern als der Vater. Allerdings zeigen sich die Kinder sehr verständnisvoll und beklagen sich kaum darüber, während die Eltern sehr selbstkritisch sind: Nur jede dritte Mutter und jeder vierte Vater ist sehr zufrieden mit der Menge an gemeinsamer Zeit.

Familien in der Krise – echt?

Aber warum denken wir ständig, dass wir nicht genug für unsere Kinder tun, nie genug Zeit für sie haben? Warum zweifeln wir fortwährend an uns? Unsere Kinder finden uns laut Shell-Jugendstudie nämlich ganz in Ordnung; nach ihren Angaben verstehen sie sich zu über 90 Prozent gut mit uns. Unsere Eltern- und Großelterngeneration urteilt nicht so positiv über ihre Eltern. Und warum sind wir so überzeugt davon, dass die Familie in der Krise ist? „Laut einer Allensbach-Umfrage meinen nur 20 Prozent der Deutschen, hierzulande sei der Zusammenhalt in den Familien stark. Aber 82 Prozent finden, in ihrer eigenen Familie herrsche große Verbundenheit“, so DIE ZEIT.

Also alles nur Meinungsmache? Bad News über Bedingungen für Kinder am Rande der Gesellschaft verkaufen sich einfach besser. Natürlich gibt es größere soziale Unterschiede als noch vor Jahren, aber wir sollten nicht vergessen, dass es den meisten von uns sehr gut geht und „Eltern in diesem Land ziemlich viel richtig machen“, so Martin Spiewak von der ZEIT.

Nun also Schluss mit dem Gerede darüber, wie furchtbar es ist in Deutschland aufzuwachsen. Unsere Kinder sind glücklich! Und wir Eltern dürfen uns auch mal entspannt zurücklegen und ihnen genüsslich beim Aufwachsen zuschauen und unserem Partner den Nacken kraulen. Denn: Glückliche Beziehungen machen glückliche Eltern machen glückliche Kinder machen glückliche Beziehungen… 😉

Christiane Lénard

Über die Autorin:

Christiane Lénard kennt das Gefühl, manchmal zu wenig Zeit für ihren Sohn zu haben, und zwischen verschiedenen Rollen zu wechseln: Mutter, Ehefrau, Matchmaking-Expertin … Aber sie ist glücklich: Immer dann, wenn ihr junger Nachwuchs sie anstrahlt. Denn in diesen Momenten weiß und spürt sie, dass jemand sich pudelwohl in der Familie fühlt und glücklich aufwächst.

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