„Für das Kindeswohl ist die Beziehungsqualität entscheidend“ – Interview mit Sozialpädagoge und Buchautor Jochen König

13.08.15, von Jana Bogatz

Die eigene Familie ist für viele Menschen der Mittelpunkt des Lebens. Die engsten Vertrauten sorgen nicht nur für tägliche Glücksmomente, sondern geben auch Halt in schwierigen Situationen. Studien belegen außerdem, dass Personen in stabilen sozialen Beziehungen zufriedener leben – und gesünder. Dabei besteht eine Familie in der heutigen Zeit keineswegs mehr zwangsläufig aus Vater, Mutter und Kind. Von Patchwork über die Großfamilie bis hin zur Co-Elternschaft – Familienglück kennt längst keine starren Formen und Normen mehr.

Autor Jochen König kennt sich mit den unterschiedlichen Familienmodellen unserer modernen Gesellschaft bestens aus – lebt er doch selbst ein alles andere als klassisches Modell. In seinem aktuellen Buch „Mama, Papa, Kind? Von Singles, Co-Eltern, und anderen Familien“ erläutert er den Wandel der Familienkonstellationen in der Gesellschaft. Wir haben den Experten zu den verschiedenen Formen des Zusammenlebens und seiner Vision der Familienmodelle der Zukunft interviewt.

Herr König, Sie beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Modellen von Familien unserer Gesellschaft. Auf dem Spielplatz trifft man heutzutage ja nur noch selten auf die traditionelle Konstellation aus Vater, Mutter und Kind. Hat die Ehe als traditionelles Familienbild aus Ihrer Sicht ausgedient?

Es gibt weiterhin viele Menschen, die heiraten und sich in der Ehe wohlfühlen. Das Modell hat also keineswegs ausgedient, aber für eine wachsende Anzahl an Menschen passt die Ehe nicht mehr oder zumindest nicht mehr dauerhaft für ein ganzes Leben. Und manche Menschen dürfen auch noch immer nicht heiraten. Glücklicherweise ist die Ehe mittlerweile nicht mehr die einzige Möglichkeit gesellschaftlich akzeptiert zusammenzuleben und Familien zu gründen. Leider ist die Politik aber noch immer viel zu oft am Mama-Papa-Kind-Modell ausgerichtet und andere Konstellationen werden wenig berücksichtigt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie unter anderem neue Formen des Zusammenlebens wie Co-Elternschaft, Ein-Eltern- und Regenbogenfamilien. Wie sieht aus Ihrer Sicht das Familienkonzept der Zukunft aus?

Ich wage keine Prognose. Viel wichtiger finde ich, dass die bereits vorhandenen Konstellationen endlich breiter wahrgenommen werden. Das Familienbild hat sich in der Vergangenheit häufig verändert und wird sich auch immer weiter ändern. Menschen werden immer nach Konstellationen suchen, in denen sie sich am wohlsten fühlen. Umso wichtiger ist es, Politik nicht an einem Modell auszurichten, sondern an den real existierenden Familien.

Das Wohl der Kinder steht bei allen Eltern an erster Stelle. Sie ziehen Ihre Töchter in Co-Elternschaft groß. Ganz provokant gefragt: Sind Kinder, die in einer Patchwork-Familie aufwachsen, gegenüber Kindern in „traditionellen“ Familien benachteiligt?

Viele Studien zeigen, dass für das Kindeswohl weniger die Familienkonstellation entscheidend ist als vielmehr die Beziehungsqualität innerhalb der Familien. Kinder sind sehr aufmerksam und sensibel und bekommen schnell mit, wenn ihre Eltern beispielsweise nur noch wegen ihnen zusammen sind und sich ansonsten nicht mehr viel zu sagen haben. Dann kann es für ein Kind manchmal besser sein, die „traditionelle“ Familie aufzugeben und anders, beispielsweise in einer Patchwork-Familie, neu anzufangen.

Ergebnisse unserer jüngsten Studien zeigen: Wenn es um die Familienmodelle geht, gibt es in Deutschland deutliche  Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen. So ist im Westen die Ehe nach wie vor das am weitesten verbreitete Familienmodell, im Osten hingegen sind Patchwork-Familien ein häufiges Phänomen. Decken sich diese regionalen Unterschiede mit Ihren Beobachtungen und wie lassen sie sich erklären?

Die Häufigkeit bestimmter Familienmodelle unterscheiden sich nicht nur zwischen Ost und West, sondern beispielsweise auch in Bezug auf Stadt/Land oder anhand unterschiedlicher Milieus. Der Ost/West-Unterschied hat seinen Ursprung in der ungleichen Familienpolitik in Westdeutschland und der DDR, sowie im unterschiedlichen Umgang mit Religion innerhalb der beiden deutschen Staaten. Im Westen wird viel häufiger noch aus religiösen Motiven geheiratet, im Osten hingegen wurde beispielsweise die Erwerbstätigkeit von Frauen auch nach der Familiengründung durch staatliche Politik gefördert. Und wenn Frauen auch Geld verdienen, fällt ein wesentliches Argument für die Ehe weg: Der finanzielle Vorteil des so genannten Ehegattensplittings, der vor allem in Alleinverdiener-/Hausfrauenehen erheblich sein kann.

Abschließend noch eine persönliche Frage: Was hat Sie dazu bewegt, ein Buch über Familienkonstellationen in der Gesellschaft zu schreiben? Und wen bzw. was möchten Sie damit erreichen?

Besonders in den letzten Jahren hat sich das familiäre Zusammenleben in unserer Gesellschaft rasant verändert. Das traditionelle Mama-Papa-Kind-Modell verliert, wie bereits erwähnt, an Bedeutung, es gibt immer mehr Alleinerziehende, die Anzahl der Regenbogenfamilien wächst und es entstehen neue Konstellationen. Diesen Veränderungen wollte ich auf den Grund gehen und Familien interviewen und vorstellen, die bisher von Medien und Öffentlichkeit vielleicht weniger beachtet werden.

Jochen König

Über den Autor:

Jochen König ist Sozialpädagoge, Buchautor und nicht zuletzt Vater von zwei Töchtern. Aufgewachsen in einer hessischen Kleinstadt lebt er heute in Berlin. Nach seinem ersten Buch „Fritzi und ich – von der Angst eines Vaters, keine gute Mutter zu sein“ erschien im Juli 2015 sein Buch „Mama, Papa, Kind? Von Singles, Co-Eltern und anderen Familien“.

www.JochenKoenig.net

Buchtipp:
Mama, Papa, Kind? Von Singles, Co-Eltern und anderen Familien

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