„Generation beziehungsunfähig?“ – Interview mit Psychotherapeutin und Autorin Stefanie Stahl

26.07.16, von Jana Bogatz

Willst Du mit mir gehen? Ja, nein, oder beides! Die Wortkreation „Mingle“ beschreibt einen Menschen, der zwar eine gewisse Zweisamkeit schätzt, dafür die Freiheiten eines Singles aber nicht aufgeben möchte. Von Journalisten und anderen „Beziehungsexperten“ wird oftmals ein Zusammenhang zwischen der wachsenden Beliebtheit des Online-Datings und Mingles hergestellt. Demnach gibt es aufgrund der Online-Partnersuche immer mehr Menschen, die Probleme haben, sich verbindlich zu binden. Doch trifft diese Annahme wirklich zu? Psychotherapeutin und Autorin Stefanie Stahl hat sich intensiv mit dem Phänomen Bindungsangst beschäftigt. Im Gespräch mit Parship erklärt sie die Ursachen von unsicheren Bindungsstilen.

Manch einer von uns erinnert sich noch an die Zeit vor dem Online-Dating. Zumindest in meinem Bekanntenkreis gab es auch damals schon Menschen, die sich schwer damit taten, sich verbindlich zu binden. Gibt es heute tatsächlich mehr Menschen mit Bindungsangst als vor dem Internetzeitalter?

Derartiges wird ja immer wieder behauptet und ich habe lange recherchiert, ob es hierzu irgendeine handfeste Studie gibt, aber leider keine gefunden. Also muss man sich auf „persönliche Meinungen“ und „Eindrücke“ berufen. Meine Meinung hierzu ist: Es gibt heute nicht mehr Bindungsängstliche als früher, aber sie werden besser sichtbar, weil sie viel weniger als früher durch gesellschaftliche Konventionen gebunden sind. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass in den wilden 60er und 70er Jahren Bindungsangst quasi als Kulturgut galt, nach dem Motto: Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment. Menschen, die bindungsfähig sind, werden durch das Internet hiervon nicht abgehalten. Im Gegenteil: Es gibt eine Studie der Universität Bielefeld, die herausgefunden hat, dass Online-angebahnte Beziehungen glücklicher und stabiler sind als Paare, die sich im „real live“ kennengelernt haben. Das macht auch durchaus Sinn: Beim Online-Dating ist man nicht Hals über Kopf verliebt und insofern bleibt noch der Verstand mit im Boot. Man hat sich schon sehr gut ausgecheckt auf Gemeinsamkeiten und Erwartungen und wenn man sich dann trifft und tatsächlich verliebt, hat man schon vorher eine gewisse gemeinsame Basis geschaffen.

In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich dennoch der Eindruck verfestigt, dass immer mehr Menschen unter Bindungsangst leiden. Wodurch entsteht dieser Eindruck Ihrer Meinung nach?

Dieser Eindruck entsteht zum einen dadurch, dass derartiges immer wieder durch die Medien kolportiert wird. Denken wir an den Blogger Michael Nast, der viele Wochen auf Platz 1 der Bestsellerliste mit seinem Buch „Generation Beziehungsunfähig“ stand. Solche Sachen bleiben natürlich schon in den Köpfen hängen – egal, ob sie berechtigt sind oder nicht. Zudem wird ja auch durch die Medien immer wieder berichtet, dass durch das Internet die Ansprüche an einen Partner angeblich immer höher würden und die Bereitschaft, sich wirklich auseinanderzusetzen angeblich immer niedriger. Dies sind alles Behauptungen, die ich gar nicht bestätigen kann. Im Gegenteil, die vielen, jungen Menschen, die ich kenne, binden sich oft sehr früh und bleiben tatsächlich auch ziemlich lange zusammen. Das hat es zu meiner Zeit nicht so gegeben. Ich glaube, dass in Zeiten der großen Unsicherheit auf dieser Welt der Bindungswunsch wieder stärker aktiviert wird. Dies sieht man ja auch daran, dass Eltern und Kinder immer länger zusammen wohnen und die Kinder oft gar keine richtige Ablösung mehr von den Eltern vollziehen.

Nicht jeder, der sich ein wenig umschaut und ausprobiert, leidet unter Bindungsangst. Was versteht man konkret unter Bindungsangst? Und was sind die Anzeichen dafür?

Typische Anzeichen sind, dass die Gefühle für den Partner stark nachlassen, sobald die Beziehung in eine nächste Phase der Verbindlichkeit übergeht. Viele Bindungsängstliche berichten von Enge- und Druckgefühlen. Andere nehmen bewusst Angst wahr, nämlich die Angst, den Partner auch wieder verlieren zu können, wenn sie ihm wirklich vertrauen. Viele hasten von Beziehung zu Beziehung und behaupten, sie hätten noch nicht den oder die Richtige gefunden. Wenn sich dieses Muster wiederholt, sollte man sich mit der Frage beschäftigen, ob es nicht auch etwas mit einem selbst zu tun hat? Bindungsängstliche halten immer einen gewissen Sicherheitsabstand zum Partner ein: Ganz typisch ist, dass auf Momente der großen emotionalen Nähe, wieder eine Distanzierung erfolgt. Bindungsängstliche Beziehungen kennzeichnen sich häufig durch ein ständiges Auf und Ab und On und Off.

Haben Personen mit einem „unsicheren Bindungsstil“ schlichtweg kein Interesse an einer verbindlichen Partnerschaft oder gibt es durchaus den Wunsch nach einer festen Beziehung?

Das menschliche Bedürfnis nach Beziehung und Bindung ist ein psychisches Grundbedürfnis, das ausnahmslos jeder Mensch aufweist. Allerdings kann dieses Bedürfnis ja nicht nur in einer Partnerschaft ausgelebt werden, sondern auch innerhalb einer Familie bzw. durch Freundschaften oder ein Haustier. Menschen, die von sich aus behaupten, sie hätten keinerlei Wunsch nach einer verbindlichen Partnerschaft, haben immer ein gestörtes Verhältnis zur Bindung, was in der Regel auf die Kindheit zurückgeht. Die Liebe der Eltern, wenn es überhaupt welche gab, war an zu viele Bedingungen geknüpft, sodass diese Menschen sich nicht vorstellen können, dass sie geliebt werden und gleichzeitig ganz sie selbst sein dürfen. Hierdurch haben sie eine Kluft in ihrem Kopf: Dass sie sich als freier Mensch fühlen und in einer festen Beziehung existieren können, können sie sich nicht vorstellen.

Was sind die Auslöser für Bindungsangst? Und haben die Betroffenen eine Möglichkeit, dieses Beziehungsmuster zu durchbrechen?

Die Auslöser für Bindungsangst liegen in fast allen Fällen in der Kindheit, wobei diese noch nicht einmal besonders traumatisch gewesen sein muss. Bindungsängstliche erwerben in den ersten Lebensjahren (und auch in der Pubertät) tiefe innere Glaubenssätze, die z.B. lauten können: Ich genüge nicht ; Ich bin nichts wert ; Ich bin für dein Glück verantwortlich ; Ich darf dich nicht verlassen ; Ich bin schuld ; Ich muss mich anpassen usw. Durch diese tiefen, häufig unbewussten, psychischen Programme erleben sie nahe Liebesbeziehungen als etwas bedrohliches. Entweder besteht die Bedrohung darin, dass sie ihre persönliche Freiheit verlieren, weil sie sich – in ihrer Vorstellung – zu viel an einen Partner anpassen müssen, oder sie leiden unter so starker Verlustangst, dass sie die Nähe einer Partnerschaft erst gar nicht riskieren. Diese Tiefenprogramme kann man jedoch verändern und auflösen. Bindungsangst ist heilbar, sofern man bereit ist, sich seinen Ängsten zu stellen.

Zum Nachlesen und Vertiefen der Themen Bindungsangst und Beziehungsunfähigkeit empfehlen wir von Stefanie Stahl die Titel „Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen“ sowie „Vom Jein zum Ja! Bindungsängste verstehen und lösen“, erschienen im Ellert & Richter Verlag. 

Über die Autorin:

Ste­fa­nie Stahl ist 1963 in Ham­burg ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen. Sie hat in Trier Psy­cho­lo­gie stu­diert und ar­bei­tet dort als Psy­cho­the­ra­peu­tin und Buch­au­to­rin. Zu ih­ren per­sön­li­chen The­men­schwer­punk­ten, Bin­dungs­angst und Selbst­wert­ge­fühl, hat sie zahl­rei­che Rat­ge­ber ge­schrie­ben, die so­wohl von Lai­en als auch von Fach­leu­ten ge­le­sen wer­den. Die Freu­de, die sie da­bei hat, über psy­cho­lo­gi­sche Zu­sam­men­hän­ge nach­zu­den­ken und sie vor al­lem „zu En­de zu den­ken“, ist in ih­ren Wer­ken schnell spür­bar. Nicht zu­letzt da­durch ist sie in Pres­se und Me­di­en ei­ne ge­frag­te Ex­per­tin. Mehr Infos unter: www.stefaniestahl.de

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