Glücklich in der Beziehung, produktiv im Job

Glücklich in der Beziehung – produktiv im Job?

27.05.2014, von Christiane Lénard

In der Beziehung läuft es nicht, zuhause wartet Stress und dicke Luft? Dann besser noch ein Stündchen im Büro dranhängen und die Zeit produktiv nutzen, anstatt den Konflikt zu konfrontieren? Klingt zwar nicht nach einer lösungsorientierten Strategie für eine gesunde Beziehung – aber ist bestimmt Gang und Gäbe in deutschen Beziehungen. Weit gefehlt!

Dr. Dana Unger, Wissenschaftlerin an der Uni Mannheim, hat ihrer aktuellen Studie spannende Fakten zum Thema “Produktivität und Partnerschaft” herausgefunden. Im Interview mit unserer Matchmaking-Expertin Christiane Lénard berichtet Dr. Unger von ihren erstaunlichen Erkenntnissen.

Frau Dr. Unger, Sie haben sich in Ihrer Studie mit der Frage beschäftigt, wie sich positive oder negative Erfahrungen in der Beziehung auf die Arbeitszeit auswirken. Was ist das Ergebnis der Studie?

Wir finden in unserer Studie, dass Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ihre Zeit bei der Arbeit flexibel gestalten je nachdem, wie sie ihre Beziehung am Morgen einschätzen. An Tagen, an denen sie persönlich zufrieden mit ihrer Beziehung sind und über weniger Ärger mit ihrem Partner berichten, arbeiten sie länger. Das Ganze dreht sich um, wenn sie mit ihrer Partnerschaft eher unzufrieden sind: An diesen Tagen arbeiten sie kürzer.

Normalerweise denkt man ja, dass man bei Beziehungsstress im Büro bleibt, um der schlechten Stimmung zu Hause zu entfliehen. Ihre Studie besagt aber das Gegenteil. Warum ist das so? Welche theoretischen Erklärungen gibt es dafür?

Es gibt tatsächlich eine Strömung in der Wissenschaft, die davon ausgeht, dass Menschen eher zur Arbeit fliehen, wenn es zu Hause mit dem Partner nicht so gut läuft. Die Konsequenz wäre in diesem Fall aber, dass die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen in eine Art Abwärtsspirale hineinrutschen, da Zeit für eine Partnerschaft eine wichtige Rolle spielt. Als Erklärungsansatz für unsere Studie haben wir daher psychologische Theorien herangezogen, die sich mit der Zielverfolgung von Personen allgemein beschäftigen. Die würden eher davon ausgehen, dass man eine schlechte Stimmung mit dem Partner als Signal dafür sieht, etwas in die Beziehung zu investieren. Und das könnte zum Beispiel die Zeit sein, die man spart, wenn man weniger lange arbeitet.

Ihre Studie stützt sich auf die Auswertung einer Tagebuchstudie. Die Teilnehmer mussten mehrmals täglich Auskunft geben, wie lange sie arbeiten und ob es Streit oder Missverständnisse in der Beziehung gab usw. Es sind also eher kurzfristige Ereignisse und temporäre Zufriedenheiten bzw. Unzufriedenheiten. Meinen Sie, dass das Ergebnis anders ausfallen würde, wenn man sich die generelle und langfristige Zufriedenheit und Stabilität in der Beziehung anschaut?

Es gibt bereits Forschung, die untersucht hat, ob Menschen kürzer oder länger arbeiten, wenn sie mit ihrer Beziehung im Allgemeinen zufrieden sind. Die Ergebnisse sprechen eher dafür, dass Menschen in ihrer gut funktionierenden Beziehung Kraft tanken und länger arbeiten, wenn sie zufrieden sind.

Die Teilnehmer Ihrer Studie sind vor allem Wissenschaftler und nur Doppelverdiener. Wie sieht es mit anderen Berufs- oder Bildungsgruppen aus? Sind die Ergebnisse generalisierbar?

Wissenschaftler waren eine gute Stichprobe für uns, da sie viel Freiraum haben, darüber zu entscheiden, wie lang sie am Tag arbeiten möchten. Wir gehen insgesamt davon aus, dass unsere Ergebnisse für Wissensarbeiter (z.B. Ingenieure, Architekten oder Anwälte) generalisierbar sind, die ein Mindestmaß an Kontrolle über ihre tägliche Arbeitszeit besitzen.

Sie haben beide Partner befragt. Konnten Sie Unterschiede zwischen den Partnern in der Wahrnehmung der häuslichen Konflikte finden? Ticken Männer und Frauen anders? Und wie sind diese Unterschiede in der Analyse berücksichtigt?

Geschlechtsunterschiede sind natürlich sehr interessant, wenn es um Fragen von Arbeit und Partnerschaft geht. Wir hatten untersucht, ob sich Männer und Frauen in ihrer Einschätzung der Beziehungsqualität und der Ärgernisse innerhalb der Partnerschaft unterscheiden. Wir finden, dass beide Geschlechter die Beziehung in der Tendenz ähnlich wahrnehmen. Auch wird deutlich, dass sowohl Männer als auch Frauen an den Tagen länger arbeiten, an denen sie ihre Beziehungsqualität als gut einschätzen.

Lassen sich praktische Implikationen aus den Ergebnissen ableiten? Was raten Sie Paaren? Was heißt das für Unternehmen?

Den Paaren raten wir, den täglichen Ärger in der Beziehung nicht zu übergehen und zu schauen, inwiefern sie da entgegen steuern können. Eine Möglichkeit wäre, früher Feierabend zu machen und mehr Zeit mit dem Partner zu verbringen. Eine Flucht in die Arbeit verbessert die Situation höchstwahrscheinlich nicht. Den Unternehmen empfehlen wir, ihren Mitarbeitern diesen Freiraum zu gewähren. Schließlich werden die Mitarbeiter auch wieder länger arbeiten, wenn es zu Hause besser läuft. Für die Unternehmen ist wichtig zu wissen, dass gut gelaunte Mitarbeiter auch produktiver sind.

Könnte es nicht auf lange Sicht kontraproduktiv für eine Partnerschaft sein: Also je besser die Beziehung funktioniert, desto mehr Zeit verbringe ich bei der Arbeit und desto weniger Intimität tausche ich mit meinem Partner aus?

In der Tat: Wenn an einem Tag die Beziehung gut läuft, arbeiten die Partner länger und die Intimität flaut ab. Das hat natürlich negative Konsequenzen für die Beziehungszufriedenheit am nächsten Tag. Der Clou ist aber, dass genau an diesem nächsten Tag die Partner früher Feierabend machen und mehr Zeit mit dem Partner verbringen. So gewinnt dann wieder die Beziehungsqualität. Unsere Ergebnisse deuten also eher daraufhin, dass die Paare eine Art Balance halten und nicht aufs große Fiasko zusteuern.

Zum zweiten Interview in unserem Blog mit Dr. Dana Unger zum Thema „Der Job als Liebeskiller? Über das Verhältnis von Arbeit und Beziehung“ einfach hier klicken.

Parship Mission Experten Interview Dana Unger

Über Dr. Dana Unger:

Für die Studie “A question of time: Daily time allocation between work and private life” arbeitete Dr. Dana Unger mit Prof. Dr. Cornelia Niessen, Prof. Dr. Sabine Sonnentag und Dr. Angela Neff zusammen. Seit Mai 2014 ist sie an der ETH Zürich als Mitarbeiterin in der Forschungsgruppe “Organisation – Arbeit – Technologie” tätig.

Wie gut hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Glücklich in der Beziehung, produktiv im Job? 3.00/5 4 votes