„Individualisierung ist ein Megatrend“ – Interview mit Deutschlands bekanntestem Zukunftsforscher Peter Wippermann

06.01.17, von Jana Bogatz

Großfamilien liegen alles andere als im Trend. Single-, Zwei-Personen-Haushalte oder Kleinfamilien dominieren besonders in großen Städten den Wohnungsmarkt. Nur elf Prozent der Deutschen leben mit ihren Kindern und den eigenen Eltern unter einem Dach. Hier klaffen Wunsch und Wirklichkeit auseinander: Denn 44 Prozent der Deutschen würden gerne in einem Mehrgenerationenhaushalt leben. Trendforscher Peter Wippermann erklärt im Interview die Hintergründe für die fortschreitende Singularisierung der Gesellschaft, zeigt alternative Wohnformen auf und wagt einen Blick in die Zukunft.

Herr Wippermann, heutzutage leben mehr Personen in Single- oder Zweipersonenhaushalten denn je. Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Individualisierung ist einer der prägendsten Megatrends unserer Gesellschaft. Jeder wird davon beeinflusst. Das hängt vor allem mit der sich kontinuierlich individualisierenden Arbeitswelt zusammen. Das Paarverhalten und Familienleben spricht hier eine klare Sprache: In der Agrargesellschaft lebten die meisten Menschen in Großfamilien, in der Industriekultur entstand die Kleinfamilie und in der sich jetzt entwickelnden Netzgesellschaft gehen wir Bindungen häufig nur noch auf Zeit ein. Das Modell der Mingels, eine Gemeinschaft zweier Individuen, ist entstanden. Das Upgraden von Beziehungen ist gesellschaftlich akzeptiert. Als Gegentrend sehen wir die romantische Sehnsucht nach einer lebenslangen Partnerschaft gerade bei den Jüngeren.

Im Gegensatz zu diesem Trend, zeigt eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov, dass sich immerhin 44 Prozent der Bundesbürger ein Leben in einem Mehrgenerationenhaushalt vorstellen könnten. Was sind die Vorteile dieser Wohnform? Und vor allem: Warum leben nicht mehr Menschen mit ihren Eltern und Großeltern und einem Dach, wenn doch der Wunsch danach vorhanden ist?

Alles was verschwindet gewinnt an Wert. Die traditionellen Ideen werden gerade in unruhigen Zeiten attraktiv. Vor allem junge Männer wohnen immer länger bei ihren Eltern. Das hat einen kulturellen und ökonomischen Hintergrund. Erstens verstehen sich Kinder deutlich besser mit Ihren Eltern als früher, zweitens ist das Wohnen in den eigenen vier Wänden extrem teuer geworden. Wenn Mama die Wäsche wäscht, ist es einfach bequem.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen aber auseinander. Die Dauerjugendlichkeit ist zum eigentlichen Lebensziel in unserer Gesellschaft geworden. Die Babyboomer, die Jahrgänge zwischen 1960 bis 1980, wollen nicht die klassische Rolle von Oma und Opa übernehmen. Sie leben ihr eigenes aktives Leben und bleiben aktiv auf dem Markt der Begehrlichkeiten.

Wie wird die Entwicklung der nächsten 20 Jahren aussehen: Wird es mehr oder weniger Singlehaushalte geben? Wie wird die typische Wohnsituation der Deutschen in der Stadt und auf dem Land aussehen?

Die digitale Transformation wird in den nächsten zwanzig Jahren die Arbeitswelt drastisch verändern. Viele Jobs werden aussterben, die Arbeit aber nicht. Das bedeutet eine klare Fokussierung der Menschen auf die Arbeitswelt. Die ökonomische Sicherheit, die gerade für das Familienleben mit Kindern eine entscheidende Bedeutung hat, wird nicht selbstverständlich sein. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Unsere Gesellschaft wird sich weiter polarisieren. Städte werden jünger und gewinnen. Landstriche werden älter und viele ihrer Einwohner verlieren.

Die klassische Familie mit drei Kindern und mehr wird zum Statussymbol. Kinder werden zum Luxus oder aber zur Herausforderung für alle Paare, in denen jeder seiner Arbeit nachgehen muss. Die Singlerate in den Großstädten wird deshalb weiter steigen. Menschen aber bleiben soziale Wesen, Sie wollen anders sein als die anderen, aber möchten nicht allein bleiben. Das macht die Städte so attraktiv.

Über den Zukunftsforscher:

Peter Wippermann, Jahrgang 1949, ist Gründer der Trendforschungsagentur Trendbüro, einem Beratungsunternehmen für gesellschaftlichen Wandel. Nach seiner Lehre zum Schriftsetzer im Grafik-Design Studio seines Vaters arbeitete Wippermann zunächst als Art Director beim Rowohlt-Verlag und beim ZEITmagazin. 1988 gründete er gemeinsam mit Jürgen Kaffer und Peter Kabel die Werbeagentur »Büro Hamburg«. Später wurde er Herausgeber des Zukunftsmagazins »Übermorgen« und konzipierte die Zukunftsevents »Talk with Tomorrow« für Philip Morris. Von 1993 bis 2015 lehrte er als Professor für Kommunikationsdesign an der Folkwang Universität der Künste in Essen.

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