Interview mit Glücksforscherin Simone Langendörfer

„Seien Sie Ihr eigener Glücksmanager“ – Interview mit Glücksforscherin Simone Langendörfer

03.03.2015, von Jana Bogatz

Jeder möchte es, manche haben es, alle wünschen es sich: Glück. Doch kann man Glück finden? Lernen? Oder sich selbst glücklich machen? Glück verdoppelt sich, wenn man es teilt, heißt es in einem bekannten Sprichwort. Aber mit wem muss man es teilen, damit  die Wirkung auch spürbar ist?

Glücksforscherin Simone Langendörfer weiß, wie wichtig kleine und große Glücksmomente im Alltag sind. Doch allzu oft fordert der Alltag jeden einzelnen von uns so sehr, dass Zufriedenheit und Glück auf der Strecke bleiben. Wir haben die Expertin daher zu typischen „Glücksverhinderern“ und ihrem ganz persönlichen „Glücks-Tipp“ interviewt.

Frau Langendörfer, Sie sind Glücksforscherin und Psychologin. In Ihren Seminaren thematisieren Sie die Herausforderungen des Alltags unserer „durchgetakteten“ Gesellschaft. Worunter leidet die Gesellschaft aus Ihrer Sicht heutzutage am meisten?

Viele Menschen wirken recht freudlos, gehetzt, sehr angespannt und verkrampft. Von der Leichtigkeit des Seins ist oft nicht viel zu spüren. Es wird viel zu wenig gelacht. Das Gefühl, dankbar zu sein, den jetzigen Augenblick als wertvolle Energiequelle zu schätzen, ist zahlreichen Menschen tatsächlich abhanden gekommen. Daher fühlen sich viele leer und getrieben.

Die meisten Menschen sind ständig am Beurteilen, Vergleichen und Bewerten. Sie sind mit ihren anpeitschenden Gedanken entweder in der nicht existierenden Vergangenheit oder Zukunft. Der Moment der Gegenwart, in dem das Leben stattfindet, wird meistens überhaupt nicht wahrgenommen. Dies führt zu einem lieblosen Denken und Handeln. Man kritisiert sich ständig selbst, fühlt sich nie gut genug, wird gereizt und unzufrieden.

Die meisten Männer, Frauen und Kinder leben unbewusst einen Alltag, der sich voll und ganz nach viel zu vielen Terminen richtet. Die Uhr gibt den Takt an. Die Zeit scheint einem davonzurennen. Viele Menschen fühlen sich eingeengt in ein Korsett aus Fremdbestimmtheit und Angst. Ein nagendes Gefühl des ständigen  „gestresst seins“ dominiert. Dies führt langfristig zu psychosomatischen Symptomen wie Schlafstörungen,  Nervosität, Herzrasen, Verdauungsproblemen, Konzentrationsstörungen, einem inneren Getrieben sein und dem Verlust von Lebensfreude und Kreativität. Immer mehr Kinder leiden bereits unter diesen Symptomen.

Man nimmt sich keine „Zeit der Stille“ und des bewussten Seins. Man wird gelebt, anstatt sein eigener Glücksmanager zu sein.

Was sind typische „Glücksverhinderer“ und welche Herausforderungen bergen sie für unser gesellschaftliches Zusammenleben?

Der mächtigste Glücksverhinderer ist die Angst, Geld und Besitz zu verlieren. Jeder möchte zu den Gewinnern gehören. Status, Konsum und Macht sind wichtig. Geld definiert die gesellschaftliche Zugehörigkeit. Schon Kinder vergleichen sich untereinander, sie prahlen mit dem, was sie „besitzen“ und „was sie sind“. Die Eltern leben dies vor nach dem Motto: Je mehr du hast, desto mehr bist du anerkannt.

Die anderen sollen uns als erfolgreich ansehen. Dies stärkt den eigenen Selbstwert. So wird man immer abhängiger von äußeren Dingen, die jedoch alle vergänglich sind. Diese Haltung führt unweigerlich in eine Sackgasse. Alles im Außen kann sich von einem Moment auf den anderen verändern.

Wenn man zum Beispiel den Job verliert, krank wird oder eine Partnerschaft zerbricht, wird schmerzhaft sichtbar, wie sehr man sich mit diesen Dingen identifiziert und verbunden hat. Da sich die meisten Menschen ständig mit anderen vergleichen, leben sie überwiegend im Mangel. Sie entdecken immer wieder neue Dinge, die sie unbedingt noch brauchen oder haben müssen. So wird der Leistungsdruck immer größer. Die To-Do-Liste nimmt kein Ende, der Verstand verunsichert uns mit seinen drohenden Gedanken.

Das Leben fühlt sich schwer an, voller Pflichten und Probleme. Man fühlt sich antriebslos und der Situation ausgeliefert. Man ist nicht mehr der Regisseur im eigenen Leben sondern ein „Opfer der Umstände“. Neid, Konkurrenzdruck, Kontrollsucht und Perfektionsdenken führen zu Frustration. Sorgen und Zweifel nehmen zu. Die Unzufriedenheit wird immer größer. Die meisten Menschen suchen dann im Außen nach Lösungen, wie zum Beispiel einen neuen, besseren Partner zu finden, mehr Geld zu verdienen, im Job schneller voranzukommen. Dies erhöht wiederum nur den Druck und es besteht die Gefahr, psychisch zu erkranken.

So wird unser gesellschaftliches Zusammenleben immer anstrengender. Jeder ist überwiegend mit sich selbst beschäftigt. Dies führt zu immer mehr Spannungen und Konflikten. Sogar Familien zerbrechen an dieser sozialen Kälte.

Viele Menschen sind immer auf der Suche nach mehr. Haben wir verlernt, glücklich und zufrieden zu sein?

Je wohlhabender und materiell reicher die Menschen werden, umso größer wird die Verlustangst. Die Menschen verlieren die Verbindung zu sich selbst. Sie stehen ständig unter Strom. Keiner möchte „arm“ sein. Dies wird als persönlicher Makel empfunden. Der Druck „zu versagen“ ist groß. Daher wird alles dafür getan, nach außen als erfolgreich, dynamisch, tatkräftig, jugendlich und stark zu erscheinen. Die Medien gaukeln uns vor, dass nur die attraktivsten, reichsten und mächtigsten Menschen glücklich sind.

Was macht aus Ihrer Sicht ein glückliches Leben aus – welche Rolle spielen Familie und eine glückliche Partnerschaft hierbei?

Ganz wichtig ist für mich die Freude am täglichen Wirken zu spüren. Das Bewusstsein, das eigene Leben sinnvoll gestalten zu können, seine individuelle Bestimmung zu leben. Die eigenen Fähigkeiten und Talente zu kennen, ist eine Grundvoraussetzung dafür, sich erreichbare Ziele zu setzen. Wer mit Freude und Eigenmotivation seine täglichen Herausforderungen angeht, hält Frustration und Rückschläge besser aus, kommt schnell wieder auf die Beine und glaubt beharrlich an sich. Selbstbewusstsein kann sich nur dann nachhaltig entwickeln, wenn man in jedem Moment sich seiner selbst bewusst ist. Wir sollten uns wieder bewusst machen, dass das Leben wertvoll ist.

Dies beginnt damit, die eigenen Gedanken achtsam zu beobachten, ohne sie zu bewerten und zu beurteilen. Wir sollten uns nicht noch mehr unter Druck setzen und uns „zwingen“ positiv zu denken. Wir denken das, was wir denken. Es gibt in Wahrheit kein „gut oder schlecht“, „richtig oder falsch“, „passend oder unpassend“. Alles liegt immer im Auge des Betrachters und wir können nicht wissen, was „das Beste“ für uns ist. Das, was heute noch „gut“ ist, kann morgen „schlecht“ sein.

Wenn man beginnt, das „zu lieben, was ist“, fühlt man sich schon ein großes Stück befreiter. Denn das ständige Kämpfen gegen die Wahrheit kostet enorm viel Kraft und Energie. Viele Menschen zerbrechen an ihrem eigenen inneren Widerstand. Wenn man beginnt, den Moment so anzunehmen, wie er ist, kommt man innerlich zur Ruhe. Das heißt, ich möchte die Menschen und Situationen nicht mehr verändern, die in meinem Leben sind. Ich werde gelassener und entspannter.

Eine glückliche Partnerschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man den anderen so annimmt, wie er ist. Man hört auf, sich zu kritisieren und zu bekämpfen. Wenn man den anderen mit den Augen der Liebe sieht, dann hört man auf „haben zu wollen“ und sich mit Vorwürfen zu verletzen. Man beginnt mit Freude zu geben. Erwartungen setzen den anderen immer unter Druck und führen automatisch zu Enttäuschungen. Man setzt sich gerne dafür ein, das Bestmögliche dazu beizutragen, dass sich der Partner wohlfühlt und sich persönlich weiter entwickeln kann. Familien, in denen nach diesen Grundsätzen gelebt wird, sind sehr stabil. Jeder fühlt sich individuell gesehen und akzeptiert. Dies führt zu Harmonie, Zufriedenheit und Wachstum.

Glückliche Partnerschaften zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass die Partner in ihrer jeweiligen Persönlichkeitsentwicklung so weit sind, dass sie den anderen nicht verurteilen und begrenzen. Sie haben die Stärke, den eigenen inneren Schmerz aufmerksam zu betrachten, wenn mal wieder entsprechende „wunde Punkte“ getroffen wurden. Sie machen den Partner nicht verantwortlich für den eigenen Schmerz. So können alte Wunden mit Hilfe des Partners heilen.

Wir sollten erkennen, dass Partnerschaften nicht dazu da sind, uns glücklich zu machen, sondern uns in unserer eigenen Entwicklung nach vorne zu bringen. Menschen, die vergeben und vertrauen können, sind am glücklichsten. Diese Menschen wissen, dass wir in Wahrheit alle die gleichen Bedürfnisse haben und so alle miteinander verbunden sind. Wenn ich für mich beschließe, Frieden sehen zu wollen, werde ich in Frieden sein. Denn alle Angriffsgedanken gegen den anderen sind Angriffsgedanken gegen mich selbst. So wie ich den anderen wahrnehme, sehe ich mich selbst.

Welchen „Glücks-Tipp“ würden Sie deutschen Singles und Paaren von heute geben?

Ich würde empfehlen, nicht den „perfekten“ Partner zu suchen, weil es den nämlich nicht gibt. Das Ego setzt viele Menschen unter Druck mit Erwartungen, Sehnsüchten, Wünschen und Bedürfnisbefriedigung. Diese Haltung überfordert jeden Menschen. Die „besondere“ Beziehung ist früher oder später zum Scheitern verurteilt, weil sie nicht ehrlich ist.

Akzeptanz, Geduld und Hingabe fördern Wachstum. Es gibt nicht den Partner, der mein „Mangeldenken“ und meinen Seelenschmerz heilt. Erst wenn ich mich in Eigenliebe bedingungslos annehme, so, wie ich bin und mich auch ohne Partner als „ganz“ empfinde, kann ich eine glückliche Beziehung führen. Wenn man beginnt, sich für einen neuen Partner zu öffnen, kann man sofort trainieren, achtsam zu sein und das eigene Denken, Sprechen und Handeln bewusst zu hinterfragen und zu reflektieren.

Hilfreich sind dabei die folgenden Fragen:

  • Begegne ich dem anderen wahrhaftig, so, wie ich bin oder in Angst?
  • Spiele ich dem anderen Dinge vor, die nicht stimmen, weil ich ein „perfektes Bild“ abgeben möchte?
  • Möchte ich Recht haben oder glücklich sein?
  • Suche ich im Anderen Lob und Anerkennung oder kann ich Liebe verschenken?
  • Spüre ich, dass Liebe Stärke ist? Kann ich vergeben?
  • Kommuniziere ich aus Liebe heraus oder aus einer Angriffshaltung?
  • Kann ich den anderen bedingungslos unterstützen und zu seinem persönlichen Wachstum beitragen?
Simone Langendörfer

Über Simone Langendörfer:

Simone Langendörfer ist eine aus Hörfunk und TV bekannte Glücksforscherin, Psychologin, Autorin und Expertin für Bewusstseins-Entwicklung. Sie gehört zu den Top-Rednerinnen und Management-Beraterinnen in Deutschland. Mit ihrem innovativen Mentaltraining Self-fulfilling Management® positionierte sie sich als Beraterin in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie ist Botschafterin und Patin für das Kinderhilfswerk ChildFund Deutschland.

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