Ohne Kinder wäre das Leben nur halb so schön

Und trotzdem: Wir sagen JA zu ganz, ganz, ganz vielen Kindern!

10.07.2014, von Christiane Lénard

Wir sagen JA zur nervigen Kitaplatzsuche, JA zu weniger Zeit für uns selbst und für unsere Partner, JA zu klebrigen Fingerabdrücken auf dem Lieblingsausgehoutfit und JA zu permanent dreckigen Fußböden: Wir sagen JA zu ganz, ganz, ganz vielen Kindern!!!!

Kinder machen Arbeit (ach was), kosten Geld (und das nicht zu knapp, 120.000 € bis zum 18. Lebensjahr !!!!! sagt Prof. Dr. Reinhardt) und machen uns jetzt auch noch krank, so das Ergebnis einer Studie des Müttergenesungswerkes: Immer mehr Mütter leiden an Erschöpfung und Burnout. Als Ursachen dafür werden von den Betroffenen der ständige Zeitdruck, berufliche Anforderungen und zu wenig Anerkennung sowie Partnerschaftsprobleme genannt.

Die Frage ist, warum um alles in der Welt tun wir uns das an?

Diese Frage ist durchaus berechtigt im Angesicht der erdrückenden Belastungen, die uns unsere Kinderlein bescheren. Interessanterweise habe ich sie allerdings noch nie aus dem Munde einer Mutter oder eines Vaters gehört. Denn diese Frage hat sich spätestens mit dem ersten Anblick und im Armhalten unseres frischgeschlüpften Abkömmlings beantwortet. Und das für den ganzen Rest unseres Lebens.

Natürlich gibt es immer wieder Zweifel, ob man sich nicht vor der Entscheidung zu eigenen Kindern noch ernsthafter hätte mit dem Thema auseinandersetzen sollen, gerade wenn die eigene Brut einen beim letzten Familiensonntag vor der versammelten Verwandtschaft bloßgestellt hat („Mama hat neulich vor der Tür heimlich eine geraucht.“), der einjährige Sohn seit fünf Nächten die Zeit zwischen 2 und halb 4 Uhr nachts für gerade recht befindet, um Bällchen aus dem Bällchenbad zu werfen und man am nächsten Tag um 8 Uhr die schlechten Bilanzen des letzten Monats dem Chef erklären muss. Da ist es auch fast schon egal, dass die Tochter einen viel älteren Freund mit einem Lippenpiercing hat (er musste eine Klasse wiederholen, wen schert´s?) und wieder mal viel zu spät vom Klavierunterricht kommt („Ich musste noch schnell bei Laura vorbei, sie hat doch diese neue Schmink-App, die mussten wir austesten“).

In mir ist jedenfalls spätestens dann jeglicher Zweifel verschwunden, wenn ich meinem kleinen Sohn morgens in die lachenden Augen schaue und er mir oben beschriebenes 2-Uhr-Bällchen mit einem entzückten „oh“ entgegenrollt.

Die wundervollste Erfahrung

Eigentlich ist eher das Problem, dass man dieses Gefühl und dieses tief empfundene JA zum neuen Lebensentwurf (und machen wir uns nichts vor, alle haben uns vorher gewarnt, das mit Kindern alles anders wird und wir fielen trotzdem aus allen Wolken, als dann tatsächlich alles anders wurde) niemandem, der es nicht selbst erfahren hat, wirklich vermitteln kann. Nichts bzw. alles oben genannte und noch viele Probleme darüber hinaus (und eben nur diese) ahnend, entscheiden sich immer noch viele Paare gegen Nachwuchs. Das ist sehr schade. Und aus meiner heutigen Sicht auch ein bisschen traurig, denn sie bringen sich um eine wundervolle, nein die wundervollste und uns in den tiefsten Tiefen unseres Herzens berührende Erfahrung, die man im Leben machen kann: Die Liebe eines Kindes mit der eigen Liebe zu erobern, zu hegen und zu pflegen. Hätte ich gewusst, wie sich dieses Glück anfühlt, hätte ich schon viel früher mit dem Kinderkriegen angefangen. Und ich war bestimmt keine, die schon zum Abitur gewusst hat, dass sie Kinder bekommen will und dann hübsch im Grünen am Stadtrand die Blümchen pflegt.

Aber natürlich kann uns dieses Glück nicht darüber hinweg täuschen, dass wir belastet und gestresst sind. Die Zahlen des Müttergenesungswerkes sind eindeutig und wir sollten sie ernst nehmen. Gut, dass auch die Politik erkannt hat, dass die Familien in Deutschland mehr Unterstützung benötigen. Aber das reicht nicht. Wir müssen an uns selbst arbeiten. Und mit arbeiten meine ich, uns darin zu üben, loszulassen und Fünfe mal gerade sein zu lassen. Das ist leichter gesagt als getan, wenn das Kind morgens Fieber hat und den perfekt durchorganisierten Tagesplan über den Haufen wirft. Gerade für Alleinerziehende ein Problem, dass tatsächlich existenziell werden kann. Und ich selbst rolle mit den Augen, wenn mein Mann mir zur Gelassenheit rät („Sehr witzig, Du musst Dich darum ja auch nicht kümmern.“). Aber im Grunde hat er doch (auch ein bisschen) recht.

Mit einem Fleck in die Kita

Ein Problem sind ganz sicher unsere Ansprüche an Perfektion, mit denen wir uns das Leben schwerer als ohnehin schon machen. Offenbar sind wir Mütter den eigenen Ansprüchen an häuslicher Perfektion und Ordnung eher erlegen als die Männer. Die arbeiten sich woanders ab. Die Frage ist, ob wir wirklich dem Untergang geweiht sind und von allen geächtet und gemieden werden würden, wenn das Kind mit einem Fleck auf dem T-Shirt in die Kita geht? Werden wir wirklich vollkommen verwahrlosen und von Bakterien und Viren schonungslos heimgesucht den Rest unseres Lebens krank dahinsiechen, wenn auch der Nachbarshund und die eigene Katze von den auf dem Fußboden verteilten Überresten der Mahlzeit des Kleinkindes die nicht in den Mund eben jenes gefunden haben satt werden und wir nicht sofort das große Wischkommando auf den Plan rufen? Und wer außer uns selbst stört sich eigentlich daran, dass  unsere Körper nach der Niederkunft nicht mehr so aussehen wie sie einmal waren oder wie wir sie schon immer gerne hätten (ok, einige Ausnahmen gibt es, aber mal ehrlich, wer will sich schon so radikal quälen und vor allem wer passt in der Zwischenzeit auf das Kind auf?).

Dritter Hemdwechsel um 7 Uhr

Also, vielleicht geht es darum, ab und an einmal einzusehen, dass wir nur Menschen sind, deren Unvollkommenheit sie liebenswert und charmant macht. Gerade die oben genannten, sind, wie wir längst innerlich wissen, keine wirklichen Probleme. Letztlich finde ich es total Wurscht, ob Frau Müller mich schief anschaut, weil ich unserem Sohn nach dem dritten Hemdwechsel zwischen 7 und 8.30 Uhr nicht noch ein viertes Mal den Pullover vom Leibe zerre (Er wollte doch nur einen kleinen Schluck aus dem Saftglas trinken.), um ihn in ein neuen zu stecken und dann geschniegelt und gestriegelt in die Krippe zu bringen.  Ich mag Frau Müller ohnehin nicht, sie muss mich also auch nicht mögen. Vermutlich ist es eh nur der blanke Neid über so viel Gelassenheit. ;-)

Bei allen Belastungen und ersthaften Problemen, die Familien und besonders Alleinerziehende tagtäglich zu bewältigen haben, vielleicht trainieren wir uns alle ab und an im Zurücklehnen und etwas Gelassenheit. Gerade bei den kleinen alltäglichen Pannen. Dann haben wir auch wieder Augen für die wirklich wichtigen Dinge: Das Lachen unserer Kinder! Und die Energie die ernsten Probleme zu meistern.

P.S.: Ich sah neulich im Fernsehen einen Bericht über ein Paar, das 13 Kinder hatte. Auf die Frage des Reporters, ob sie sich denn nicht vorstellen könne, eine Kur zur Erholung zu machen, antwortete die Mutter: Nein, dann würde Sie ja alle ihre Kinder vermissen.

Ob man wohl seine 13 Kinder zu einer dieser Mutter-Kind-Kuren mitnehmen darf? Ich glaube, ich frage beim Müttergenesungswerk mal nach.

Christiane Lénard

Über die Autorin:

Christiane leitet die Matchmaking-Abteilung von Parship und ist seit fünf Jahre im Auftrag der Liebe bei uns im Einsatz. Die Diplom-Soziologin beobachtet mit Spannung aktuelle Trends und Studien mit Gesellschafts-Schwerpunkt – wenn sie sich nicht gerade um ihren kleinen Sohn kümmert.

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