„Ungewollte Enkellosigkeit wird eher bemitleidet“ – Interview mit Prof. Dr. Corinna Onnen

16.11.2015, von Jana Bogatz

Mit dem Ende der Erwerbstätigkeit sehnen sich viele Menschen ganz plötzlich nach Enkelkindern. Doch natürlich hat man so gut wie keinen Einfluss darauf, ob oder wann sich die eigenen Kinder für Nachwuchs entscheiden. Die Sehnsucht nach Enkeln wird vielleicht gerade deshalb oftmals belächelt und als bloße Flause abgetan – auch von engen Familienangehörigen. Das kann zu Konflikten führen. Denn tatsächlich ist der unerfüllte Wunsch nach Enkelkindern für viele Seniorinnen und Senioren ein echtes Problem. Selbst Menschen ohne eigene Kinder können im Alter eine Sehnsucht nach Enkelkindern entwickeln, weiß Corinna Onnen, Professorin für Allgemeine Soziologie an der Universität Vechta. In unserem Interview erklärt sie, wie ältere Menschen sich helfen können. Außerdem gibt sie einen Ausblick darauf, wie sich diese Problemlage des Alters auf kommende Generationen auswirken wird – gerade vor dem Hintergrund rückläufiger Geburtenzahlen.

Das Phänomen „ungewollte Enkellosigkeit“ wird in der Gesellschaft wenig beachtet. Empfinden viele Senioren, die noch keine Enkelkinder haben, diese Situation als belastend? Und gibt es bestimmte Ursachen, die einen Leidensdruck auslösen?

Ja, die gibt es. Eine Ursache ist die eigene Kinderlosigkeit, eine andere die Kinderlosigkeit der eigenen Kinder. Leidensdruck in dem Sinne wird ausgelöst in Situationen, in denen andere aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis mit ihren Kindern und Enkeln zu tun haben – Gefühle aus früheren Zeiten, als man selbst die eigene Kinderlosigkeit verarbeiten musste, kommen wieder hoch, das können ebenso Verlustgefühle sein wie auch Ängste, wenn man sich an schöne Zeiten mit den eigenen Kindern erinnert und sich vorstellt, diese Gefühle nicht noch einmal erleben zu können oder auch, wenn man sieht, dass die eigenen Kinder dieses nicht erleben. Hinzu kommt ein medialer Druck von der „heilen Familie“ – ein Bild, das insbesondere zu Weihnachten oder in Ferienzeiten genährt wird.

Worunter leiden Menschen mehr, unter einem unerfüllten Kinder- oder Enkelwunsch?

Das lässt sich nicht sagen, dazu fehlen gesicherte Forschungsergebnisse. Da Enkellosigkeit in dem einen Fall mit Sicherheit die Folge von Kinderlosigkeit ist, kommt es darauf an, wie sehr das Paar die eigene Kinderlosigkeit verarbeitet hat. Vielleicht könnte man davon sprechen, dass sie zweimal kinderlos sind. Im anderen Fall, wenn die eigenen Kinder ohne Nachwuchs bleiben, wird das Paar dann enkellos und fühlt gegebenenfalls soziale Konsequenzen ähnlich wie andere bei der Kinderlosigkeit, da Freunde und Bekannte über Enkel sprechen und mit ihnen Zeit verbringen.

Auch ohne Aussicht auf Nachwuchs: Was können Senioren gegen ihre unerfüllte Sehnsucht nach Enkeln tun? Wie kann man mit der Sehnsucht umgehen, ohne dass die eigene Lebenszufriedenheit dadurch in Mitleidenschaft gezogen wird?

Es gibt viele Möglichkeiten, bei denen man aktiv werden kann. Es gibt die Optionen, sich in Nachbarschaftshilfen zu engagieren, im Elterndienst, Feriendiensten, bei Babysitterbörsen oder auch in einigen Großstädten in Großelternbörsen einzubringen. Vorlesedienste werden auch in Grundschulen gerne eingesetzt, in Kirchen sowieso. Man sollte ruhig zu den örtlichen Organisationen gehen und dort einmal fragen.

Bei älteren Menschen mit Kindern kann der unerfüllte Wunsch nach Enkeln zu Streit innerhalb der Familie führen. Wie können Familien diesen Konflikt lösen?

Ich glaube, Streitereien hierüber gibt es nicht, jedenfalls geben bislang durchgeführte Studien hierzu keine Hinweise.

Generell gilt aber, dass im Fall von Meinungsverschiedenheiten ein Gespräch gesucht werden muss, bei emotional belastenden Gesprächen auch gerne im Beisein eines so genannten Moderators oder einer Moderatorin – das ist eine Person, die die Diskussion im Zaum hält und für Ruhe und Fairness sorgt. Das kann eine Freundin der Familie sein oder ein guter Nachbar.

In Deutschland werden zurzeit wenige Kinder und damit Enkelkinder geboren. Demnach sind in ein paar Jahren wahrscheinlich noch mehr Menschen „Enkellosigkeit“ betroffen. Werden damit noch mehr ältere Menschen unglücklich oder ist zu erwarten, dass ein Leben ohne Enkel künftig eher als Normalzustand wahrgenommen wird?

Eher letzteres. Unglück bezeichnet doch einen emotionalen Zustand, in dem man erkennt, dass man etwas gerne hätte und nicht bekommt, und dann darunter emotional leidet. Oft wird das Nicht-erfüllte dann noch weiter idealisiert. Wenn aber Enkellosigkeit normal wird, ist der Zustand nicht mehr erstrebenswert, und weil er nicht mehr idealisiert werden kann, wird auch niemand unglücklich sein.

© Frank Grunwald 
Photograph, Frankfurt

Über Prof. Dr. Corinna Onnen:

Prof. Dr. Corinna Onnen studierte Diplom-Sozialwissenschaften an der Carl-von-Ossietzky Universität in Oldenburg. Sie arbeitete in verschiedenen Familien- und medizinsoziologischen Forschungsprojekten mit und baute den Lehrstuhl Gender Studies an der Universität Regensburg auf. Seit 2008 ist sie Universitätsprofessorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Gender Studies an der Universität Vechta. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Familien-, Geschlechter- und Medizinsoziologie mit empirischem Schwerpunkt zu den Themen Ehescheidungen, kinderlose Ehen, Berufs- und Lebensverläufe von Frauen im Universitätsbereich, Reproduktionstechnologien sowie dem Bereich der Arbeitsmarkt von Frauen in der Region.

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