Familie: Braucht das Kind Vater und Mutter?

[Vater,] Mutter, Kind

26.08.2014, von Christiane Lénard
Um den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen, braucht es erst einmal Mann und Frau. Aber braucht es beide auch später, um das Kind aufzuziehen? Immer mehr alleinstehende Frauen entscheiden sich für Nachwuchs ohne Partner – auch der SPIEGEL berichtet in seiner aktuellen Ausgabe darüber. Unsere Matchmaking-Expertin Christiane Lénard hat eine ganz eigene Meinung zu diesem kontroversen und viel diskutierten Thema.

 

“Ich erinnere mich an ein Telefonat mit meiner Freundin. Meine Freundin lebt und arbeitet in den USA, hat studiert und promoviert neben ihrem Vollzeitjob. Sie ist gebildet, kommt aus einem sehr bürgerlichen Elternhaus, man kann sich wunderbar mit ihr unterhalten und sie sieht dazu auch noch ganz gut aus. Aber: Sie hat keinen Mann. Sie hat immer mal wieder jemanden kennengelernt, aber irgendwie will es auf die Dauer nicht klappen. Sie selbst sagt, es läge an ihren hohen Ansprüchen. Vielleicht hat sie die. Ich denke manchmal, sie ist an der einen oder anderen Stelle recht wenig zu Kompromissen bereit, was sicher nicht jedem gefällt.

38 Jahre und kein verlässlicher Partner in Sicht

Meine Freundin erzählte mir in diesem Telefonat, dass sie vor kurzem bei einer Beratungsstelle für Single-Frauen mit Kinderwunsch gewesen sei. Was in Deutschland noch Grauzone und halb-legal ist, ist in anderen Ländern ohne weiteres möglich und tatsächlich nicht unüblich.

Ich war, ehrlich gesagt, erschrocken. Ich konnte ihren Wunsch zwar irgendwie verstehen, aber dann auch wieder ganz und gar nicht. Wir haben uns lange darüber unterhalten. Ihre Gründe waren für mich nachvollziehbar. Sie war 38 Jahre alt, ein verlässlicher, liebevoller Partner nicht in Sicht und sie wünschte sich ein Kind. Mein Kopf stimmte ihr zu und verstand sie in jedem Punkt. Aber emotional fühlte es sich fremd an. Das ist jetzt zwei Jahre her.

Die Entkopplung von Fortpflanzung und Partnerschaft

Vorgestern las ich einen Artikel im SPIEGEL. Er berichtete darüber, dass immer mehr Frauen sich entscheiden, ohne festen Partner ein Kind zu bekommen. Entweder mit einer Samenspende oder über das Modell „Vertrags-Papa“. Ein wirklich spannender Beitrag, der dieses kontroverse Thema aufgreift und dabei fast ohne Wertung auskommt. Die Frauen, über die beispielhaft berichtet wurde, waren wie meine Freundin: gebildete, beruflich erfolgreiche und sozial gut vernetzte Großstädterinnen. Allein der Partner fehlte ihnen zum Glück bzw. in diesem Falle zur Erfüllung ihres Kinderwunsches. Sie entscheiden sich ganz bewusst für das Modell „alleinerziehend“ mit allen Risiken und Nachteilen. Es ist nicht nur eine Entscheidung gegen die traditionelle Familie, sondern im Falle der Samenspende auch dafür, Sexualität, Fortpflanzung, Partnerschaft und Liebe zu entkoppeln. Und es ist auch irgendwie mutig. Ich hätte nicht die Courage gehabt, mich dieser Herausforderung und Verantwortung ganz allein und ohne Partner zu stellen.

Ich bin selbst Mutter eines kleinen Jungen. Mein Mann und ich haben uns, nach durchaus reiflicher Überlegung, ganz bewusst für Kinder entschieden. Überhaupt ist bei mir der Kinderwunsch erst entstanden, als ich meinem Mann begegnet bin und mich in ihn verliebte. Vorher war es ein abstrakter Gedanke. “Ja, Kinder, irgendwann”, aber meine Vorstellung reichte nie dafür, mir Kinder außerhalb einer Liebesbeziehung auszumalen. Es mag vielleicht romantisch verklärt und nicht zeitgemäß sein, aber ich hatte immer die Vorstellung von Kindern als „Krönung“ der Partnerschaft. Ein gemeinsamer Wunsch, seine Liebe weiterzugeben und irgendwie für die Zeit nach dem eigenen Leben zu „bewahren“.

Die letzte sichere Bindung der Gegenwart

Dies muss aber nicht die einzige Motivation sein, sich Kinder zu wünschen. Die Soziologin Eva Illouz hat eine interessante Begründung dafür, dass Frauen ohne Partner Kinder großziehen wollen. Sie ist der Meinung, „dass die biologische Verbindung mit dem eigenen Kind ‘die letzte sichere Beziehung’ der Gegenwart sei. Alle anderen Bindungen, das entspreche dem allgemeinen Erfahrungshorizont, könnten zerbrechen“, so schreibt der SPIEGEL.

Und es ist sicher etwas Wahres daran, schließlich kennen wir alle die Scheidungszahlen und wissen auch, dass Beziehungen – gerade in den ersten zwei Jahren nach der Geburt eines Kindes – besonders gefährdet sind, zu scheitern. Welche negativen Folgen eine Trennung der Eltern für die Kinder haben kann, wissen wir. Was wir nicht wissen ist, wie es sich auf Kinder auswirkt, wenn sie nicht mit den traditionellen zwei Bezugspersonen aufwachsen, sondern nur die Mutter haben. Mit Sicherheit wird es spätestens in der Pubertät und bei der eigenen Identitätssuche Fragen aufwerfen.

Etwas ganz Archaisches…

Allerdings frage ich mich, was die biologische und damit unwiderrufliche Bindung wert ist bzw. bedeuten kann. Denn natürlich gibt es auch Eltern-Kind-Beziehungen, die auseinander gehen, in denen keine Worte mehr gewechselt werden und man sich versucht, nicht mehr daran zu erinnern, voneinander abzustammen. Es scheint etwas ganz Archaisches und evolutionär tief in uns Verankertes zu sein, denn auch Männer haben diese Sehnsucht nach biologischen Nachkommen, so die Soziologin Illouz.

Es gibt bei diesem Thema kein Richtig und kein Falsch. Man kann nur seine eigene Meinung haben. Letztlich entwickelt sich unsere Welt immer weiter. Wir wissen nicht, was wir morgen ganz normal finden werden. Jeder muss für sich selbst eine Entscheidung fällen und nach seinen Wünschen und Überzeugungen leben dürfen, sofern es keine anderen Menschen in Mitleidenschaft zieht. Denn nur das macht am Ende glücklich. Und glücklich sein ist ansteckend.

Liebe macht einfach glücklich

Was wir von Parship aber wissen ist, dass die meisten Singles den Wunsch nach einem Partner haben. Und dass Liebe glücklich macht. Sei es die Liebe zu einem Partner oder einem Kind. Oder am besten zu beiden.

Meine Freundin hat übrigens vor kurzem ihren Sohn geboren. Und er ist nicht das Ergebnis einer Samenspende. Den Vater ihres Kindes hatte sie drei Monate nach unserem Telefonat im Internet kennen gelernt und sich sofort in ihn verliebt. Sie zog bei ihm ein und sie wünschten sich beide ein gemeinsames Kind, obwohl er schon eine erwachsene Tochter aus seiner ersten Ehe hatte. Jetzt sind sie glücklich. Eine Patchworkfamilie. Ich finde, diese Geschichte darf Mut machen.”

Christiane Lénard

Über die Autorin:

Christiane leitet die wissenschaftliche Abteilung von Parship und ist Mutter eines kleinen Sohnes – den sie ganz klassisch, mit Partner an ihrer Seite, bekommen hat und aufzieht.

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