„Wir sind biologisch darauf programmiert, in einer Beziehung zu leben“ –  Interview mit Evolutionsbiologe Prof. Dr. Thomas Junker

29.09.2015, von Jana Bogatz

Warum lieben wir? Dieser Frage gehen Forscher aus den verschiedensten Perspektiven auf den Grund, um das Geheimnis rund um das größte der Gefühle zu entschlüsseln. Dass die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau nicht nur wichtig ist, um Nachwuchs zu produzieren, sondern auch die romantische Liebe essentiell für unser Überleben ist, weiß der Evolutionsbiologe Thomas Junker. In unserem Interview spricht der Experte über die Entwicklung in den vergangenen Millionen Jahren und wagt einen Ausblick in die Zukunft der Liebe.

Herr Junker: Dass es zwei Menschen braucht, um Nachfahren zu zeugen, leuchtet ein. Dafür bräuchte es jedoch nur Anziehung, keine Liebe. Warum ist dieses höchste der Gefühle dennoch wichtig in der Evolution des Menschen?

Bei den meisten Säugetierarten gibt es so etwas wie Liebe im Sinne einer dauerhaften emotionalen Beziehung zwischen Sexualpartnern nicht. Sondern nur sexuelles Begehren und vielleicht Lust. Auch bei Menschen kommt es vor, dass einer oder auch beide den Ort des Geschehens nach einer Liebesnacht fluchtartig verlassen, ohne die Handynummer zu hinterlassen oder gar das gemeinsame Frühstück abzuwarten. Selbst wenn sich beide davonmachen, wird man in vielen Fällen wohl nicht vom optimalen Ausgang eines Abenteuers sprechen. Denn beim Menschen ist in der Evolution eine komplexe Wechselbeziehung von sexuellem Begehren, Lust und Liebe entstanden.

Die Ursache, warum das so sein muss, liegt auf der Hand: Es genügt ja nicht, Kinder zu zeugen und auszutragen, sondern sie brauchen über viele Jahre Schutz, Nahrung und Erziehung. Die Liebe und die sexuelle Lust der Eltern sind wichtige Bindemittel; sie sorgen dafür, dass sich nicht nur die Mütter sondern auch die Väter um ihren Nachwuchs kümmern. Und zwar gerne. Insofern könnte man sagen, dass die Liebe und der häufige Sex ein Kind der Kinder ist.

Könnten wir ohne Liebe nicht leben?

Generell kann man das wohl nicht sagen. Das Single-Leben hat ja auch seine Vorteile. Man kann sein Leben freier gestalten, muss weniger Kompromisse eingehen und kann weiter hoffen, den perfekten Partner oder die ideale Partnerin noch zu finden. Aber nur wenige Menschen wollen wohl dauerhaft allein bleiben. Denn biologisch sind wir darauf programmiert, in einer Beziehung zu leben. Und zwar selbst dann, wenn das Thema Kinder längst abgehakt ist, oder nie eine Rolle spielte. Es ist interessant zu beobachten, dass die biologischen Mechanismen bei der romantischen Liebe unabhängig vom Alter und von der Lebenssituation weiterwirken. Die Aufgabe besteht dann darin, Gemeinsamkeiten zu finden, die nichts mit dem klassischen Familienleben zu tun haben.

Liebe wird heute häufig nur auf Partnerschaften bezogen. Welche anderen Formen der Liebe sind darüber hinaus essentiell für den Menschen?

Liebe kann die unterschiedlichsten Formen annehmen. Am grundlegendsten ist sicher die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Es gibt aber auch die Liebe zu einem Hund oder einer Katze. Und es gibt intensive emotionale Bindung an ein politisches Ideal oder eine religiöse Idee. Selbst an Gegenständen – an Büchern, Autos und Schuhen – kann man mit ähnlicher Intensität hängen. Auch diese Formen der Liebe gibt es und sie sind teils weit von allem entfernt, was an die Fortpflanzung erinnert. Das ist aber kein Widerspruch zur biologischen Theorie. Denn diese will erklären, warum Gefühle entstehen und woher sie ihre Kraft beziehen.

Bei der Liebe ist das zunächst die Mutterliebe, dann die partnerschaftliche Liebe. Nachdem die Fähigkeit, sich emotional zu binden, erst einmal entstanden war, konnte sie auch auf andere Dinge übertragen werden. Beim sexuellen Begehren verhält es sich nicht anders. Sobald es sich aus dem engen Korsett der Fortpflanzung befreit hat, wird es in den unterschiedlichsten Situationen zu den unterschiedlichsten Zwecken eingesetzt.

Trotzdem erleben wir in Deutschland einen Trend hin zur Versingelung. Sind diese Tendenzen – wenn man es genau nimmt – somit lebensgefährlich?

Lebensgefährlich meist nicht, aber auch nicht optimal. Es gab ja auch in der Vergangenheit immer wieder Menschen, die gerne alleine waren oder andere Formen von Sozialkontakten bevorzugten: zu Freunden, zu Arbeitskollegen oder zur Familie. Eine andere Frage ist, warum heute viele Menschen als Single leben, obwohl sie gerne eine Beziehung hätten. Ein Grund sind sicher die Anforderungen des Berufslebens mit den langen Arbeitszeiten und häufigen Ortswechseln und die Anonymität des Großstadtlebens. Insofern ist es sehr zu begrüßen, dass es die Möglichkeit gibt, auf Straßenfesten, beim Sport oder im Internet relativ unkompliziert neue Kontakte zu knüpfen.

Sie beschäftigen sich viel mit der Entwicklung der Liebe und ihrer Bedeutung für uns. Haben Sie auch eine Prognose, wie sich die Liebe in der Zukunft entwickeln wird?

Solange Menschen Kinder auf die traditionelle Weise bekommen und großziehen, wird sich wahrscheinlich nicht so viel ändern. Man sollte nicht vergessen, dass unsere Sehnsüchte ihre Kraft und Richtung einem in uns angelegten genetischen Programm verdanken, das sich über viele Millionen Jahre bewährt hat. Das lässt sich nicht so leicht verändern. Dieser Gedanke hat auch etwas Tröstliches: Denn die romantische Liebe liegt in der Natur des Menschen. Sie kann in tiefe Verzweiflung führen und zur Quelle des Leidens werden. Sie gibt unserem Leben aber auch Sinn und verspricht einzigartige Momente der Lust. Es wäre schade, wenn wir diese Aspekte des Lebens verlieren würden.

Thomas Junker

Über Prof. Dr. Thomas Junker:

Prof. Dr. Thomas Junker lehrt Geschichte der Biowissenschaften an der Universität Tübingen. Von 1992-1995 war er Mitherausgeber von Charles Darwins Briefwechsel in Cambridge und Post-doc an der Harvard University. Er hat zahlreiche Bücher und Artikel zur Evolutionsbiologie und Anthropologie veröffentlicht. Sexualität und Liebe werden im Sachbuch „Der Darwin-Code“ behandelt (2009). Anfang nächsten Jahres erscheint sein neues Buch über Liebe, Sex und Partnerwahl bei C.H. Beck.

www.thomas-junker-evolution.de/

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