Wo ist der Haken?

Peter (63, Berufsberater) und Caroline (63, Studienrätin) haben sich auf Parship.de kennen gelernt. Hier erzählt Werner, wie er auf Kirsten aufmerksam geworden ist, wie das erste Treffen war und wie sie ihre Zukunft planen.

So verliebten sie sich:

© privat

„Die ist es!“ fuhr es mir in den Kopf, als ich ihr Foto anklickte. Die alte Weisheit, dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt, hatte sich wieder einmal bewahrheitet. Mich strahlten ein paar blaue Augen an, umrahmt von einem Blondschopf, dazu ein bezauberndes, offenes Lächeln. Schlank und rank kam Caroline daher, in einem hübschen Sommerkleid, aufgenommen in einem Sommergarten.

Der zweite Blick: Wo ist der Haken? Merkwürdig, dass man im Lauf der Zeit einen immer schärferen Blick dafür bekommt, wen und was man nicht will.

Und damit nimmt man in Kauf, dass der Kreis potenzieller Partnerinnen immer kleiner wird.

Eine so ansprechende Frau wie Caroline muss doch Schattenseiten haben

Wenn sich auf dem Foto kein Ausschlusskriterium entdecken lässt, so dachte ich, dann muss doch auf ihrer Profilseite das Haar in der Suppe zu finden sein. Doch es gab keinen Hund im Vordergrund, keine abgeschnittene zweite Person, deren Hand noch auf einer Schulter ruht, kein Sektglas in der Hand, keine leeren Weinflaschen auf einer Kommode im Hintergrund. Auch die Beschreibung ihrer Vorlieben und Abneigungen ergab keinen Anlass zum Stirnrunzeln. Weder sammelt sie Porzellanpuppen, noch ist sie Fan von Schlagermusik oder gar Volksmusik. Dafür ist sie ist Outdoor-Fan, mag gute Bücher und guten Wein, Urlaub in Frankreich, macht gerne Gartenarbeit und, auch nicht ganz unwichtig, lebt nur eine halbe Autostunde von meinem Wohnort entfernt. Nicht, dass meine früheren Parship-Bekanntschaften in der Vergangenheit nur Enttäuschungen gewesen wären, abgesehen von den Totalreinfällen, die man eigentlich schon nach dem ersten Treffen am liebsten vergessen hätte.

Es gab einige virtuelle Flirts und auch einige konkrete Dates.

Auch solche über einen längeren Zeitraum, doch früher oder später gingen diese Bekanntschaften wieder auseinander, sei es, weil die Entfernungen voneinander auf Dauer nicht zu überbrücken waren, sei es, dass sich früher oder später größere Differenzen auftaten, die man zu Beginn nicht sehen wollte. In unseren vorsichtig abtastenden Botschaften entdeckten wir nicht nur gemeinsame Interessen und Vorlieben, sondern auch genügend Unterschiede, denn nichts ist auf Dauer langweiliger als ein Mensch, der genauso tickt wie man selbst. Entscheidend für uns, darin sind wir uns einig, ist unsere ähnliche Einstellung zum Leben, was wiederum mit der Sozialisation und in gewisser Hinsicht auch mit dem Lebensalter zu tun hat. Bei einer Frau, die keinen Hitchcock-Film kennt oder einen mit Marlon Brando oder keine Zeile aus einem Beatles-Song mitsingen kann, würde ich das Gemeinsame vermissen. Doch mit einer wie Caroline, die das ZEIT-Kreuzworträtsel löst und die weiß, welche aktuellen Ausstellungen einen Besuch wert sind, konnte ich mir eine wunderbare gemeinsame Zeit vorstellen.

Mit der Neugier wuchs auch die Spannung auf unser erstes Telefonat

Doch um ein Haar hätte es nie stattgefunden, denn ihr Abonnement lief nur noch einen Tag und außerdem hatte sie schon seit längerer Zeit keinen Blick mehr auf ihre Nachrichteneingänge in ihrem Parship-Portal geworfen. So kam es, dass ich nach diesem ersten vielversprechenden Austausch über Wochen kein Lebenszeichen mehr von ihr bekam. Hat sie es sich anders überlegt, hat sie einen Passenderen gefunden, habe ich mir von ihr ein entschiedenes „geht gar nicht“ eingefangen? Außer ihren Vornamen Caroline hatte ich nichts, nur die Information, dass sie als Lehrerin an einem Gymnasium arbeitet.

Ohne Telefonnummer würde alles im elektronischen Nirwana enden

Also machte ich mich daran, sie ausfindig zu machen. Ich durchforstete die Webseiten der Gymnasien ihrer Stadt und suchte ihr Gesicht auf jedem Klassenfoto, ging Listen von Lehrerschaften, Arbeitsgruppen, Festschriften, Lehrerausflügen und Jubiläen durch, doch nirgends war sie zu finden. Kurz vor Weihnachten, als ich meine Suche fast schon aufgegeben hatte, landete doch noch das ersehnte Lebenszeichen in meinem Postfach. Ob wir mal bei Gelegenheit telefonieren wollten oder so, aber keine Nummer. Postwendend schickte ich ihr meine Telefonnummern und damit lag es an ihr.

Kurz danach kam unser erstes Treffen zustande. Es war ein eiskalter Wintertag und kurz vor Sonnenuntergang, als wir uns wir uns zum ersten mal in die Augen schauten. Sie trug enge Jeans und eine Daunenjacke und fror.

Aber ihre Augen strahlten

Wegen der Kälte und der vereisten Wege war an den geplanten Spaziergang nicht zu denken und so verkrochen wir uns in ein Café und bestellten Pfefferminztee. Vorsichtig unsere Worte abwägend sprachen wir über uns und unseren Alltag, dann Gott und die Welt und die Zeit flog uns davon. Schon bald schwand die anfängliche Unsicherheit, die immer herrscht, wenn jeder die Worte seines Gegenübers nach potenziellen Plus und Minuspunkten abwägt und zugleich zwischen den Zeilen zu lesen versucht, was eigentlich gemeint sei. Doch auch diese gegenseitige Skepsis schwand bald einer, wenn auch noch unsicheren Vertrautheit und so war ein baldiges Wiedersehen ausgemacht.

Wenn das erste Treffen ein vorsichtiges Herantasten war, hatte unser zweites Treffen jeglichen Zweifel hinweggefegt.

Wir verabredeten uns zu einer Führung durch eine Architekturausstellung

Das Hin und Her zwischen der Aufmerksamkeit für die Worte des Architekturexperten und für unsere eigene Präsenz entpuppte sich als fragiles, zugleich aufregendes Spiel zwischen Distanz und körperlicher Nähe, die wir beide genossen wie Teenager, die sich zum ersten mal berührten. Ein Gefühl, wie ich es lange nicht verspürt habe.

Inzwischen haben wir unser halbjähriges Kennenlernen gefeiert, einen mehrtägigen Kurzurlaub gemacht und Pläne für die kommenden Monate geschmiedet.