Information ausblenden
Keine Lust mehr auf das Single-Leben?
  1. HrMahlzahn
    Beiträge:
    6.352
    Likes:
    4.851
    über den alten Joe, alias Bock von Babelsberg, der auf der Bühne immer den Klumpfuß mimte, kann ich mich noch heute tot lachen. Sein Sportpalastkabarett ist seit 76 Jahren nicht getoppt worden und sein heißer Abgang würde manchem seiner Nachfolger gut stehen.
     
    13.06.2019 #16
  2. IMHO
    Beiträge:
    8.471
    Likes:
    6.903
    Das glaube ich nicht, denn die überwältigende Zahl an Paaren startet in eine Beziehung mit Sicherheit nicht mit der Perspektive, in ein paar Jahren erneut auf die Suche gehen zu wollen. Ich gebe dir allerdings Recht, dass sich heutzutage erheblich schneller (aber nicht unbedingt leichter) getrennt wird, wird doch das Finden eines neuen Lebenspartners als "ach, so einfach" suggeriert. Ausdauer, Geduld und Nachsicht sind nicht mehr so stark ausgeprägt. Es dominiert eher der Wunsch nach Abwechslung und Abenteuer, nach Selbstoptimierung und Perfektion, nach Bequemlichkeit und vermeintlicher "Verbesserung".
    Stellt sich die Frage, ob der Passus "bis dass der Tod euch scheidet" überhaupt in der Frage des Pfarrers enthalten war. Bei meiner Eheschließung was dies nicht (mehr) der Fall.
    dto.
     
    13.06.2019 #17
  3. Julianna
    Beiträge:
    7.336
    Likes:
    4.682
    @IMHO
    https://www.zeit.de/zeit-wissen/2017/01/beziehungen-liebe-philosophie-platon-dating-apps-erotik


    Liebe
    Die wahre Liebe kriegt gerade wenig Luft. Dating-Apps und Erklärungen der Biochemiker lassen ihr kaum noch Raum. Doch nach 200.000 Jahren Homo sapiens sollte klar sein: Ohne sie sind wir arm dran. Frag mal die Philosophen!
    Von Tobias Hürter

    Wenn irgendwer sich mit Liebe ausgekannt hat, dann Shakespeare. Er war mit all ihren Spielarten vertraut, von ewiger Treue (Romeo und Julia) über wilde Promiskuität (Venus und Adonis) bis zur entfesselten Eifersucht (Othello). Doch seine schönsten und vor allem persönlichsten Worte über die Liebe finden sich in seinen Sonetten. In diesem Zyklus von 154 Gedichten erzählt er von seinem Liebesleid. Anfangs sieht alles noch ganz rosig aus. Dann jedoch verfällt er, der sich in den Versen "Will" nennt, einer mysteriösen "düsteren Dame" (dark lady). Sie ist nicht schön, sie ist nicht nett, aber er hängt an ihr. Es geht um Missbrauch, Gewalt und schlechten Sex. Er will sich aus der Abhängigkeit von ihr befreien. Doch es gelingt ihm nicht. Er ist ihr verfallen.



    Das soll diese Liebe sein, von der all die Popsongs und Schmonzetten schwärmen, um die sich Serien und Reality-Shows drehen und deretwegen so viele Menschen Ratgeber kaufen oder sich auf Dating-Plattformen tummeln? Dann wäre es kein Wunder, dass sie aus der Mode kommt. Glaubt man Umfragen, geht der Trend zur Kurzfristbeziehung: Sex, Spaß und Unverbindlichkeit statt Liebe, Romantik und ewige Treue. Liebe nervt inzwischen sogar ihre lautstärksten Anhänger. Seit Mitte der neunziger Jahre verschwindet das Wort love aus den Texten der Popsongs. Dafür wird in den Charts mehr über Sex, Gewalt und Kiffen gesungen. Man kann diesen Trend als Ausdruck einer allgemeinen Desillusionierung deuten. Nach Jahrzehnten des Liebesschmachtens wenden wir uns realistischeren Zielen zu: Sex, Freundschaft, Kinder, Karriere.

    Wozu auch noch? Im Unterschied zu früheren Zeiten können Menschen heute bestens allein zurechtkommen. Ehe und Familie sind seltener zur ökonomischen und sozialen Absicherung erforderlich. Man hat zweifellos weniger Ärger, wenn man die Liebe sein lässt, und gewinnt eine Menge Zeit für andere Dinge. Sparen wir uns also den Shakespeare-Kram.

    Aber so einfach ist die Sache nicht. Die Umfragen, die einen Trend zu individualisierten Lebensformen feststellen, zeigen auch, dass die Sehnsucht nach der einen, großen Liebe lebendig bleibt. Wenn es stimmt, dass die Liebe ein Grundbedürfnis stillt, dann lässt sich nicht so ohne Weiteres auf sie verzichten – zumindest wird einem dann etwas Wichtiges im Leben fehlen.



    Wenn man die Liebe mit den Augen heutiger Naturwissenschaftler betrachtet, wirkt sie in der Tat nicht sonderlich attraktiv. So hat die amerikanische Anthropologin Helen Fisher, die an der Rutgers University forscht und lehrt, gemeinsam mit Neurowissenschaftlern schwer verliebte Versuchspersonen in die Röhre eines Kernspintomografen geschoben, um ihr Gehirn zu durchleuchten: manche von ihnen frisch verliebt, manche frisch verlassen, manche glücklich in einer jahrzehntelangen Beziehung. Sie sah, dass die romantische Entrückung das menschliche Zentralorgan gründlich umprogrammiert. Vor allem aktiviert die Liebe jene Areale, die in den dunklen Tiefen des Gehirns sitzen, die weit unterhalb der Schwelle des rationalen Denkens arbeiten und den Fluss des "Belohnungshormons" Dopamin regulieren. Verliebtheit ist demnach kein höherer Geisteszustand, nicht einmal ein Gefühl, sondern ein archaischer Trieb, sagt Fisher.

    Die neurochemischen Veränderungen gleichen jenen, die Kokain und andere Drogen in den Gehirnen von Abhängigen bewirken. Wenn Physiologie alles wäre, dann könnte man sagen: Ein Abhängiger ist in Kokain verliebt und jemand Verliebtes abhängig von seiner oder seinem Angebeteten. Die physiologische Ähnlichkeit bleibt auch, wenn das Objekt der Begierde außer Reichweite rückt. Ob Drogenentzug oder Liebeskummer, der zerebrale Leidenszustand ist der gleiche. Helen Fisher rät daher, in Liebesdingen sorgfältig auf die Dosierung zu achten. Warum nicht eine ruhige Freundschaft statt verzehrender Liebe?


    Neurophysiologisch gesehen mag es also ziemlich egal sein, ob man verliebt ist oder kokainabhängig. Doch das Nutzer-Erlebnis ist ein völlig anderes. Kokain ist nichts als eine chemische Substanz. Liebe bedeutet etwas. Liebe bedeutet alles, haben manche Leute gesagt – Jesus von Nazareth zum Beispiel. Was genau bedeutet Liebe? Das kann man auch mit dem besten Hirnscanner nicht erkennen. Bedeutungsfragen sind eher was für Philosophen.

    Tatsächlich spielt die Liebe eine große Rolle in der abendländischen Philosophie. Platon hat eines seiner besten Bücher, Das Gastmahl, über sie geschrieben. Aristoteles hat seine Ethik zum großen Teil auf sie gegründet, Augustinus seine gesamte Philosophie. Wobei die meisten Philosophen das deutsche Wort "Liebe" natürlich nicht kannten, sondern die Vokabeln anderer Sprachen, die diesem Wort bloß ungefähr entsprechen. "Liebe" hat sich aus germanischen Formen des Sanskrit-Wortes lubh entwickelt, was Begierde bedeutet. Und Begierde spielt zweifellos mit in dem Gefühlscocktail, den die Liebe uns serviert.

    Aber Begierde ist eben nicht gleich Liebe. Man kann begehren, ohne zu lieben, und lieben, ohne zu begehren. Die Schwierigkeit, mit der alle Versuche kämpfen, die Liebe zu verstehen, ist gerade, dass sich in ihr verschiedenste Dinge berühren, die nicht ohne Weiteres zusammenpassen: lodernde Leidenschaft und der Wunsch nach Beständigkeit; Freiheitsdrang und Sehnsucht nach Geborgenheit. Liebe soll das Göttlichste auf Erden sein, aber Sex die größte Sünde – nanu? Da gibt es einiges zu entwirren, das erkannten schon die Philosophen des antiken Griechenlands. Sie unterschieden zwischen eros, der leidenschaftlichen Liebe, und philia, der freundschaftlichen Liebe. Durch die Übersetzung der jüdisch-christlichen Schriften ins Griechische kam schließlich ein dritter Aspekt der Liebe hinzu: agape, die fürsorgliche Liebe.

    Das Paradigma der agape ist die Liebe Gottes zu den Menschen. Man kann eros und agape als Gegensätze sehen: Dem einen geht es um die Befriedigung eines eigenen Bedürfnisses, er ist selbstsüchtig; der anderen geht es um die Bedürfnisse dessen, auf den die Liebe gerichtet ist, sie ist selbstlos. Dabei schlossen sich eros, agape und philia keineswegs aus – im Gegenteil, in einer vollwertigen Liebe waren alle drei vereint. Ein Beispiel ist die Freundschaft zwischen David, dem Riesentöter, und dem Königssohn Jonathan, von der das Alte Testament erzählt. Ihre Freundschaft ist so intensiv, dass sie mit erotischer Leidenschaft auflodert. Auch in Platons Gastmahl sind die Freundschaften zwischen Sokrates, der Hauptfigur, und seinen Zechkumpanen alles andere als "platonisch". Platons Philosophie der Liebe ist vor allem deshalb so wichtig, weil sie einen gewaltigen Einfluss auf die bedeutendste Religion unserer Kultur hatte: auf das Christentum, die Religion der Liebe schlechthin. Die christliche Liebe ist Platons Liebe in neuem Gewand.

    Für die frühen Christen war Liebe das Wichtigste auf der Welt. Paulus, ihr Chefideologe, schrieb in seinem ersten Brief an die Korinther: "Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen." – Starker Tobak auch für viele Christen. Die Liebe zählt noch mehr als der Glaube. Allerdings sagte Jesus selbst wenig zur Liebe, zumindest ist wenig davon überliefert. Es blieb späteren christlichen Vordenkern überlassen, ihr Kontur zu geben, allen voran Augustinus – und der war Platoniker. So schlich sich die Liebesphilosophie des Heiden Platon ins Christentum. Das christliche Ideal der Liebe orientierte sich an der göttlichen Liebe. Wenn ein Christ jemanden liebt, so sagt es dieses Ideal, dann liebt er in Wahrheit Gott. Die Liebe weist dem Christen den Weg zu Gott – so wie sie Platon den Weg ins ewige Reich der Ideen wies. Aber nur die wahre Liebe! Erotik lenkt ab.
     
    Zuletzt bearbeitet: 15.06.2019
    15.06.2019 #18
  4. Julianna
    Beiträge:
    7.336
    Likes:
    4.682
    Die Soziologin Eva Illouz, Autorin des Bestsellers Wenn Liebe weh tut, vermutet, dass dieses christliche Ideal der Liebe das Vorbild war für die "große Liebe", von der seit dem 12. Jahrhundert alle Welt träumt. "Monotheismus und grand amour sind Wahlverwandte", sagt Illouz. Für solch eine Liebe ist nur ein Mal Platz in einem Menschenleben. Die große Liebe hat keinen Plural.

    Ist die große Liebe heute überhaupt noch ein Thema? Es scheint so: In Umfragen geben noch immer die meisten Menschen an, dass eine beständige Partnerschaft für sie zum Lebensglück gehört. Auch auf der Affärenplattform Tinder suchen viele den Mann oder die Frau fürs Leben. Und selbst bei der dritten Ehe schwören Brautleute sich noch ewige Liebe und Treue. Doch die Liebe von heute wirkt wie ein Durcheinander widerstreitender Praktiken, jedenfalls für heterosexuelle Paare. "Es gibt bei den Geschlechterrollen eine große Unsicherheit und Verwirrung", sagt Eva Illouz. "Wir haben zwei verschiedene Liebesmodelle: das alte Modell, bei dem Männer und Frauen genau wissen, was sie tun müssen. Der Mann ist aktiv und erklärt der Angebeteten seine Liebe. Die Frau ist passiv und wartet darauf, dass der Mann die Dinge in die Hand nimmt. Auf der anderen Seite haben wir das Modell der Gleichstellung, wonach die Frau ebenbürtig und autonom ist. Genauso wie der Mann ist sie verantwortlich für sich selbst und die Beziehung. Die Modelle kommen einander in die Quere."


    Mit der neuen sozialen Freiheit macht sich außerdem eine allgemeine Verunsicherung in Sachen Liebe breit. Es ist heute gar nicht mehr klar, was uns die Liebe zu geben hat. Sex? Abenteuer? Anerkennung? Ökonomische Sicherheit? Emotionale Geborgenheit? Vielleicht gar vollendete Tugend, Schönheit und ewige Wahrheit, wie es sich die alten Denker vorstellten?

    Schönheit mag einen Menschen für andere attraktiv machen, aber bei der Liebe geht es um etwas anderes. Fragt man Menschen in langen, glücklichen Beziehungen, wie die Liebe sie verändert hat, dann bekommt man manchmal Antworten wie diese: "Ich habe das Gefühl, in der Liebe zu Anna (oder Bruno) zu mir selbst gefunden zu haben." Das kann man als blanke Egozentrik verstehen. Man kann es aber auch so verstehen, dass diese Menschen in ihrer Liebesbeziehung eine existenzielle Heimat gefunden haben. Die Liebe gibt ihnen den Ort in der Welt, an den sie gehören – eine feste Basis, von der aus sie nicht nur nehmen, sondern ebenso geben können: Auch die Menschen, mit denen die Liebe sie verbindet, können darin das Gleiche finden. "Liebe ist die Entrückung, die wir für Menschen und Dinge verspüren, die in uns die Hoffnung auf ein sicheres Fundament für unser Leben wecken", sagt der Philosoph Simon May, der am King’s College in London lehrt. Dagegen verblasst alle Schönheit. Dabei meint May es wirklich ernst, wenn er von "Dingen" spricht: "Man kann auch eine Landschaft, eine Oper, vielleicht sogar einen Wein lieben." Für manche Menschen ist ihre Ehe oder ihre Familie der Ort, an dem sie sich aufgehoben fühlen, für manche sind es ihre Freundschaften, für andere ist es ihr Hobby, ihr Beruf, ihr Haustier.


    Simon May beruft sich unter anderem auf Sigmund Freud, den Pionier des Unbewussten und Erfinder der Psychoanalyse, der eine wenig schmeichelhafte Auffassung von der Liebe hatte: Diese sei der unbewusste Wunsch des Menschen, in jene Geborgenheit zurückzukehren, die er als Säugling am Busen seiner Mutter erlebt habe. Man sollte diesen Wunsch natürlich nicht wörtlich nehmen. Die allerwenigsten Erwachsenen wollen Muttermilch. Die Geborgenheit, nach der sie sich sehnen, ist ein sinnvolles Leben in sicheren Umständen. Und Klarheit darüber, was wirklich wichtig ist. All das verspricht die Liebe.

    Kein Wunder, dass die Sehnsucht nach der Liebe in einer unübersichtlichen Welt lebendig bleibt. Kein Wunder aber auch, dass Liebe heute schwererfällt als früher, wenn Menschen gleichzeitig Freiheit und Beständigkeit wollen; wenn sie die Liebe für ein Gefühl halten und sich gleichzeitig wünschen, dass sie für immer bleibt; wenn sie die Eine oder den Einen suchen und sich dabei in der Menge der Möglichkeiten verlieren; wenn sie sich nach Nähe sehnen und nicht einmal wissen können, was der andere von ihnen will und erwartet.

    Der französische Philosoph Alain Badiou nennt die Gemeinsamkeit, die die partnerschaftliche Liebe stiftet, die "Bühne der Zwei". Auf dieser Bühne lernen die Liebenden, "was es bedeutet, zu zweit und nicht einer zu sein". Das geht weit darüber hinaus, freitags zusammen ins Kino zu gehen und im Sommer gemeinsam Urlaub zu machen. Es bedeutet, aus zwei Ichs ein Wir zu formen. Welche Herausforderung! Die Bühne der Zwei entsteht, so Badiou, wenn "der andere, mit seinem Sein bewaffnet, in mein Leben getreten ist und es damit zerbrochen und neu zusammengesetzt hat".

    Das klingt dramatisch. Als gebe es nur die Wahl zwischen wahrer Liebe und der eigenen Identität. Als müsse, wer die eine will, die andere aufgeben. In der Tat: Wer liebt, verändert seine Identität. Neue Dinge werden ihm wichtig. Aufgeben muss er seine Identität deshalb nicht. Eine Mutter wird durch die Liebe zu ihrem Kind nicht selbst zum Kind. Sie bleibt eine Erwachsene, sie behält ihre eigenen Bedürfnisse. Aber wenn das Kind Hunger hat, dann macht die Liebe es automatisch zu einem Bedürfnis der Mutter, den Hunger zu stillen. Nicht aus Kalkül oder aus Mitleid, viel unmittelbarer. Dein Hunger ist auch mein Bedürfnis.

    Ein liebender Mensch verleugnet nicht sein Wesen. Aber er ändert sein Leben. Auch deshalb haben viele heute ein gespaltenes Verhältnis zur Liebe. Sein Leben ändern für jemand anderen? In einer Zeit, in der Individualisierung zu den Megatrends gezählt wird, ist das ziemlich viel verlangt.

    Und warum lieben wir einen bestimmten Menschen: ausgerechnet ihn und nicht einen anderen? Dafür kann es viele Gründe geben: bessere, schlechtere, aber keine zwingenden. Vielleicht haben wir uns spontan in ihn verliebt, oder er hat hartnäckig geworben. Vielleicht sind dabei uralte genetische Programme am Werk oder der Parship-Algorithmus. Die genauen Gründe sind nicht so wichtig. Es ist nicht so, dass man einen Menschen liebt, weil er ganz oben auf einer Rangliste steht. Sondern umgekehrt: Er steht ganz oben, weil man ihn liebt.
     
    15.06.2019 #19
  5. Julianna
    Beiträge:
    7.336
    Likes:
    4.682
    Es geht nicht darum, Mr. oder Ms. Perfect zu finden, die einzig richtige Person auf Erden, die dazu bestimmt ist, uns glücklich zu machen. "Wir sind alle mit der falschen Person verheiratet", sagt der Philosoph Alain de Botton, der gerade einen Roman mit dem Titel Der Lauf der Liebe veröffentlicht hat. Die Liebe macht die "falsche" zur richtigen Person. Ihr Wunder besteht eben darin, dass sie Perfektion aus normalmenschlicher Unzulänglichkeit zaubert.
    Vom Zufall zur Liebe, von irgendeinem zum Einzigen – ganz von selbst geht das allerdings nicht. Wer lieben will, muss sich dazu entschließen: "Ich werde aus dem, was ein Zufall war, etwas anderes machen", sagt Alain Badiou, "ich werde daraus eine Dauer, eine Hartnäckigkeit, eine Verpflichtung, eine Treue machen." Liebe braucht eine gewisse Sturheit. Aber die Mühe lohnt sich, versichert Badiou. "Es gab Dramen, Zerfleischungen und Ungewissheiten, aber ich habe niemals mehr eine Liebe verlassen. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diejenigen, die ich geliebt habe, auf ewig geliebt habe und noch liebe."

    Ein Entschluss also. Es genügt nicht, sich der Liebe einfach hinzugeben, man muss sich auf sie einlassen und sie bewusst pflegen. Unentschlossene Liebe ist allenfalls Verliebtheit, bloße Begierde. Aber funktioniert das überhaupt, sich zur Liebe zu entschließen? Ist sie nicht etwas, das einen überkommt wie eine höhere Macht?


    Es funktioniert erstaunlich gut. Vor 20 Jahren versuchte sich der amerikanische Psychologe Arthur Aron an der "experimentellen Erzeugung zwischenmenschlicher Nähe", so der Titel seiner Studie. Er setzte je zwei fremde Psychologiestudenten einander gegenüber, 33 Mann-Frau-Paare, und ließ sie sich gegenseitig 36 Fragen stellen, beginnend mit "Wenn du unter allen Menschen der Welt wählen könntest, wen würdest du zum Essen einladen?", später "Hast du insgeheim eine Vermutung, wie du sterben wirst?" und "Wenn du mit deinem Gegenüber eine enge Freundschaft schließen würdest, was müsste er dann unbedingt von dir wissen?". Schließlich mussten die Versuchspersonen einander noch vier Minuten lang tief in die Augen schauen.

    Tatsächlich verliebten sich in Arons Labor fremde Menschen ineinander. Ein Paar heiratete sechs Monate später und lud die Forscher zur Hochzeit ein. Liebe fällt also nicht vom Himmel. Sie lässt sich mit einfachen Mitteln gezielt erzeugen – oder zumindest begünstigen.

    Wenn die Liebe einmal da ist, sind die Gründe für ihre Entstehung gar nicht mehr so wichtig. Wichtiger ist, dass die Liebe selbst ein Grund ist, Dinge zu tun. Man stelle sich zum Beispiel eine Frau vor – nennen wir sie Anna –, die am Wochenende dringend einen Gefallen von ihrer Partnerin Britta braucht. Anna zögert jedoch, Britta darum zu bitten, weil sie damit Brittas Pläne fürs Wochenende durchkreuzen würde. Es ist Anna peinlich, die Gutmütigkeit ihrer Partnerin auszunutzen. Tatsächlich aber tut Britta ihr diesen Gefallen gern. Sie will es Anna sogar einfacher machen, danach zu fragen. Warum tut Britta ihr diesen Gefallen gern? Nicht weil sie sich für sich selbst etwas davon verspricht. Auch nicht, weil sie ein grundsätzlich hilfsbereiter Mensch ist. Sondern weil es wichtig für Anna ist – und damit auch wichtig für Britta. Sondern einfach weil Britta Anna liebt. Mehr an Gründen braucht es nicht.

    "Liebe schafft Gründe" ist der Kernsatz eines Buches des amerikanischen Philosophen Harry Frankfurt, das The Reasons of Love betitelt ist, nicht The Reasons for Love. Es gibt keine zwingenden Gründe für Liebe, jeder Mensch hat seine eigenen. Daher sind auch die Objekte unserer Liebe so verschieden. Ich liebe meinen Partner und meine Kinder, du liebst deine.

    Der deutsche Philosoph Karl Jaspers nannte die Liebe "die unbegreiflichste, weil grundloseste, selbstverständlichste Wirklichkeit des absoluten Bewusstseins". Die Gründe, aus denen sie entsteht, mögen Zufälligkeiten sein. Die Gründe, die sie schafft, sind es nicht. Liebe schafft Verbindlichkeit.

    Liebe, so verstanden, macht viel Arbeit. Ein liebender Mensch verspürt die Anziehung, die der geliebte Mensch auf ihn ausübt, und pflegt sie wie einen Garten. Eine Kunst nannte der römische Dichter Ovid die Liebe, was damals bedeutete: ein Handwerk. Man kann sie erlernen, man muss sie üben, sonst verlernt man sie. Gut zu lieben ist eine Fähigkeit, die Talent, Willen und Lernbereitschaft voraussetzt. Zwei einander Liebende müssen laufend ihre Wünsche, Bedürfnisse und Interessen in Einklang bringen. Die Praxis der Liebe ist ein gemeinsamer Marathonlauf auf einem Drahtseil. Als Prinz Philip, der Prinzgemahl der britischen Königin, zu seinem 60. Hochzeitstag nach dem Geheimnis einer so langen Ehe gefragt wurde, antwortete er lakonisch: "Ständige Kompromisse."

    Warum sollte man das auf sich nehmen? Warum geht nicht einfach jeder seinen Dingen nach, und man trifft sich gelegentlich auf ein Glas Wein oder einen Nachmittag im Bett? Schließlich gilt Unabhängigkeit so viel mehr als das Leben in Abhängigkeiten, wie sie auch die Liebe mit sich bringt. Vielleicht war Platon mit seiner Antwort auf der richtigen Spur: Liebe liegt in der menschlichen Natur. Warum also lieben? Weil wir es können. Weil wir Menschen sind. Der Regisseur Woody Allen gibt den Zuschauern seines Films Verbrechen und andere Kleinigkeiten von 1989 als Schlusswort mit: "Die Ereignisse kommen so unvorhersehbar auf uns zu, so ungerecht. Das menschliche Glück scheint im Schöpfungsplan nicht enthalten zu sein. Nur wir allein können mit unserer Fähigkeit zu lieben dem gleichgültigen Universum eine Bedeutung geben." Wenn das nicht Grund genug ist, was dann?
     
    15.06.2019 #20
    Lou Salome und Mentalista gefällt das.
  6. Synthetik
    Beiträge:
    440
    Likes:
    476
    16.06.2019 #21
  7. IMHO
    Beiträge:
    8.471
    Likes:
    6.903
    Danke, aber wozu schreibst du Großteile des Inhaltes des o.g. Links hier nochmal?
    Ja, Ähnliches hat ja auch die deutsche "Schlagerpologin" Helen(e) Fis(c)her" herausgefunden - nur drückt sie diese Erkenntnis sehr viel trivialer in ihren "Veröffentlichungen" aus. :p
    Fragt sich, wo diese Sucht bei langjährigen Liebespaaren bleibt, denn viele Paare konstatieren, dass die Verliebtheit irgendwann verschwunden ist.
    Als ob das steuer- bzw. kontrollierbar wäre...................
     
    Zuletzt bearbeitet: 17.06.2019
    17.06.2019 #22