Kinder? Ja, warum eigentlich nicht?

Was spricht für, was gegen eine Familiengründung? Parship-Matchmaking-Expertin Christiane Lénard hat anlässlich einer Studie der BAT Stiftung für Zukunftsfragen mit dem Zukunftswissenschaftler Dr. Ulrich Reinhardt gesprochen.

Übereinstimmend lautet die Antwort auf die Frage, worauf es im Leben ankomme: Liebe, Partnerschaft, Familie und Freunde. So weit die Theorie. In der Praxis stapeln sich Medienberichte über vermeintliche Bindungsunfähigkeit, Ellbogen-Karrieristen und die Generation der Selbstverwirklicher. Und die Geburtenrate stagniert.

Welche Gründe wirklich gegen Familie sprechen und welche Sorgen die Deutschen bei der Kinderplanung bewegen, wollten wir genauer wissen und baten den Zukunftsforscher Professor Dr. Ulrich Reinhardt um ein Interview.

Parship Blog Logo BAT StiftungHerr Prof. Dr. Reinhardt, in der Studie der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen zum Tag der Familie heißt es: Für die meisten Deutschen ist die Familie das Wichtigste im Leben und trotzdem wollen sie keine Kinder oder trauen sich dieses nicht zu. Warum ist das so?

Zum einen haben viele Deutsche schlichtweg Angst. Sie haben Angst, ihre Freiheit aufgeben zu müssen, die Karriere zu vernachlässigen oder den eigenen Lebensstandard einschränken zu müssen. Sie haben Angst, den falschen Zeitpunkt oder den falschen Partner zu wählen, Angst vor einer Scheidung oder um die Zukunft der Kinder.

Zum anderen beeinflusst aber auch die zunehmende Zeitnot die Entscheidung pro oder contra eigene Familie. Viele Bundesbürger setzen sich selbst unter Druck, denn sie wollen im Beruf erfolgreich sein, in ihrer Freizeit etwas erleben, ihre sozialen Bindungen pflegen und sich auch noch in Ruhe erholen. Da bleibt für Nachwuchs wenig Zeit.

Ist Deutschland also immer noch ein Land der egoistischen Individualisten? 62 Prozent der Befragten geben an, lieber frei und unabhängig sein zu wollen.

Eigentlich wollen die meisten Bürger beides: Auf der einen Seite Freiheit, Spaß und keine Verpflichtungen und auf der anderen auch das heile Bild von der eigenen Familie. Aber sicherlich müssen die Argumente gegen eigenen Nachwuchs ernst genommen werden.

Als ein wichtiger Grund gegen die Familiengründung werden finanzielle Gründe oder die Angst vor der schlechten Vereinbarkeit von Familie und Beruf angegeben? Sind diese Gründe vielleicht nur vorgeschoben und etwas anderes steckt dahinter?

Fakt ist, ein Kind kostet bis zum 18. Lebensjahr rund 120.000€, dieses kann bzw. will sich nicht jeder Bürger leisten. Auch bedeuten Kinder oftmals leider noch einen Karrierestopp. Jedoch bin ich zuversichtlich, dass sich dieses zukünftig ändern wird und Unternehmen erkennen, wie produktiv Mütter sind bzw. sein können, wie gut Führung in Teilzeit funktioniert und welcher Imagegewinn durch eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie möglich ist.

Wie unterscheiden sich die Ansichten von Frauen und Männern und Paaren mit und ohne Kinder zu diesen Themen?

Männer haben überdurchschnittlich viel Angst, sich keine Kinder leisten zu können, bzw. für diese nicht genug zu verdienen. Frauen dagegen beklagen nicht den richtigen Zeitpunkt zu finden und den falschen Partner. Beim letzteren müssen übrigens beide Geschlechter umdenken: Statt des Chefarztes, der die Krankenschwester heiratet, wird es zukünftig die Chefärztin sein, die den Krankenpfleger ehelicht. Männer müssen also lernen nach oben und Frauen nach unten zu heiraten.

Haben sich die Gründe in den letzten Jahren verändert?

Die Gründe gegen Kinder sind insgesamt facettenreicher geworden. Lediglich in den Bereichen „fehlende staatliche Leistungen“ und „Zukunftsängste für den eigenen Nachwuchs“ konnten wir eine positive Entwicklung nachweisen. In allen anderen Punkten sind Angst und Hemmungen größer geworden.

Nun tut die Politik ja aktuell einiges für Familien, angefangen mit dem Ausbau der Kita-Plätze über den Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz ab dem 1. Lebensjahr, der reduzierten Arbeitszeit für Familien bis hin zur Elternzeitregelung. Meinen Sie, dies wird in Zukunft dazu führen, dass die Deutschen wieder mehr Kinder bekommen?

Wir haben in Deutschland 148 familienbezogene Maßnahmen, die Eltern und Kindern zugutekommen. Das Bundesfamilienministerium gibt an, dass diese staatlichen Familienleistungen 125 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Auch hat sich die Work-Family-Balance verbessert. Aber all diese Maßnahmen stellen nur die Rahmenbedingungen dar; Kinder bekommen müssen die Bürger selbst und hier fehlt es vor allem an der gesellschaftliche Anerkennung und dem eigenen Mut.

Der fehlende, richtige Partner, um eine Familie zu gründen, oder auch die Angst vor Scheidung und Alleinerziehung sind ja ebenfalls wichtige Gründe gegen Kinder. Beides besagt, dass Kinder eben auch als ein Ausdruck von Liebe und zufriedener Partnerschaft gesehen werden und ohne diese funktionierende Basis Kinder kaum vorstellbar sind. Ist das nicht auch ein gutes Zeichen und die Rückbesinnung auf traditionelle Werte von Familie und Gemeinschaft? Es gibt ja gerade in anderen Ländern auch die gesellschaftliche Tendenz (und Möglichkeit), dass Frauen sich auch ohne Partner für ein Kind entscheiden können, z.B. über eine Samenspende.

Dieses wird zweifellos auch in Zukunft bei uns zunehmen. Jedoch träumen die Deutschen auch weiterhin von der ewigen Liebe, dem Glück der Zweisamkeit und der heilen Familie.

Zum Schluss, wenn Sie erlauben, noch eine ganz private Frage an Sie, Herr Prof. Dr. Reinhardt: Haben Sie selbst Kinder?

Einen 8-jährigen Sohn und eine 4-jährige Tochter. Hätten meine Frau und ich nicht so lange gewartet, würden wir sicherlich auch noch weitere haben.

Über Prof. Dr. Reinhardt:

Professor Dr. Ulrich Reinhardt, Jahrgang 1970, ist Zukunftswissenschaftler und Wissenschaftlicher Leiter der ‚Stiftung für Zukunftsfragen – eine Initiative von British American Tobacco‘. Er ist u.a. Mitglied des Zukunftsrates des Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins Torsten Albig, der ‚World Future Society‘, und dem ‚Netzwerk Zukunftsforschung‘. Darüber hinaus ist er Initiator und Ideengeber einer Vielzahl von Forschungsprojekten, wie etwa ‚Deutschlands nächste Jahre‘ in Zusammenarbeit mit dem Bundeskanzleramt.