Liebe aus der Dose: Über die Beziehung mit Tech-Nick

Kann man eine Beziehung mit einer virtuellen Person, einem Avatar, führen? Diese Frage stellt sich Dr. Sandra Spreemann.

Man soll sein Herz nicht an Dinge hängen. Das wollte ich damals partout nicht einsehen, als mein Bruder die Mini-Wurstzange (unersetzliches Highlight meines Playmobil-Grillabenteuer-Sets) schrottete. Unzählige gescheiterte Sach-Beziehungen später wurde mein altersschwacher Polo das letzte Objekt, das ich beweinte. Es bekommt mir einfach besser, mich mehr auf Freunde und Familie einzulassen und das Auto als Gebrauchsgegenstand zu betrachten, anstatt meinen Liebsten wie einen zu behandeln. Denn niemals kommt da etwas so Warmes, Einzigartiges und Beglückendes zurück wie von Menschen. Oder doch?

„Liebe in Zeiten des Avatars“

Der gleichnamige  Artikel aus der Welt am Sonntag will mich eines Besseren belehren. Demnach steht unmittelbar bevor, dass gewisse Dinge plötzlich selbst ein Herz entwickeln. Vielleicht nicht die Wurstzange. Wohl aber Avatare, Blots, Hologramme und Roboter. Die sollen künftig mit uns flirten, Lust ausleben und Beziehungen führen. Deshalb wollen Wissenschaftler Maschinen das Fühlen beibringen. Bis hierhin ist man demnach schon gekommen:

  • Die Nutzer einer erfolgreichen Dating-Simulation führen eine Beziehung mit einer virtuellen Person. Diese können sie ganz nach ihren Vorlieben gestalten und Manche bleiben über Jahre dabei.
  • Erste dreidimensionale „Virtual Reality“-Spiele schaffen es, ein menschliches Gegenüber zu simulieren, das im Spieler ein starkes Nähegefühl auslöst.
  • Die neuesten Roboter sehen nicht nur wie Menschen aus, sondern können auch äußere Anzeichen menschlicher Emotionen auswerten und dann so reagieren, dass wir ihnen selbst eine emotionale Reaktion zuschreiben.
  • Aufwändige Liebespuppen kommen mit physisch exakt nachgebildeter Haut daher

Alle Jahre wieder

An weiteren unglaublichen Dingen wird geforscht. Alles großartige Leistungen. Und trotzdem frage ich – wie immer, wenn mich alle zwei Jahre ein Artikel wie dieser aus dem romantischen Dornröschenschlaf aufstört: Ist das alles? Wo kommen sie denn jetzt, die propagierten Maschinen mit Gefühl? Und sehe mich bestätigt. Sie kommen noch lange nicht, wenn überhaupt. Denn die Entdeckung der Spiegelneuronen im Hirn hat uns zwar glauben lassen, das Geheimnis der Entstehung von Mitgefühl und Zwischenmenschlichkeit sei gelüftet. Tatsächlich hat die Wissenschaft aber noch immer keinen blassen Schimmer, wie das mit den Gefühlen beim Menschen genau funktioniert. Wie sollte sie es dann schaffen, das auch nur ansatzweise technisch nachzubilden?

Darf ich vorstellen: Mein Robo

Also behilft man sich mit dem „Als ob“: Die Forschung ist zwar weit entfernt davon, wirklich künstliche emotionale Intelligenz zu erschaffen, die sich entwickelt. Menschen psychologisch austricksen kann man aber sehr wohl. Eine gute Simulation produziert eine von vielen möglichen Außenhüllen menschlicher Eigenschaften – und kann so unser Gehirn dazu bringen, ihr automatisch ein entsprechendes Gefühlsleben anzudichten. Diese und ähnliche Mechanismen (nicht etwa die Erfolge im Sektor künstliche Intelligenz), sind es denn auch, die Buchautor und K.I.-Experte David Levy zu seiner vollmundigen Prognose verleitete: Bis zum Jahr 2050 werden wir uns in Roboter verlieben und sie sogar heiraten („Love & Sex with Robots“, 2008). Kann sein. Die Scheidungsrate dürfte dann allerdings bald wieder gehörig steigen. Warum? Wegen dieses wunderbaren Kernsatzes aus der Gestaltpsychologie:

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile

In menschlichen Beziehungen entwickelt sich ein ungeheuer komplexes Erleben, das aus Herz, Hirn und allen Sinnen gespeist wird. Es findet ein ständiger Austausch von Input und Impulsen statt, der über die Zeit zu einem ganz eigenen Kosmos verschmilzt, in dem alles und nichts vorhersehbar ist. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass Gaby Holgers Tendenz zu Käsefüßen im Gesamtpaket irgendwie sexy findet? Und warum vermisst Alex, wenn Eva am Wochenende nicht da ist, ausgerechnet ihr morgendliches „Geplapper“, welches ihn stets von seiner Frühstückslektüre abhält? Sabrina kann spüren, wenn Erik Hunger hat, noch bevor er selbst es weiß oder sein Magen knurrt. Sie liebt es, ihn dann mit Chips zu verführen. Welches Programm soll – auch unter Zuhilfenahme noch so hoch entwickelter physischer Substrate – jemals eine solche Authentizität erzeugen?

Passender Partner mit eigener Seele

Und warum sollte man überhaupt eine virtuelle Beziehung wollen, wenn doch genug Menschen auf der Erde herumlaufen, mit denen man so etwas erleben kann? Um noch mehr Single-Haushalte zu produzieren? In Wahrheit steckt doch wohl eher die Vermeidung von Unlust-Gefühlen dahinter. Daher schlägt das Thema auch immer wieder geradezu lächerlich hohe Wellen: Die Illusion von der perfekten Liebe ist eben eine künstliche. Wir sollten die Entmenschlichung, die dahinter lauert, ernst nehmen. Und unsere technischen Errungenschaften lieber dazu nutzen, echte Menschen zusammen zu bringen. Wie bei PASRHIP, wo nicht nach dem perfekten Partner gesucht wird, der sich am unkompliziertesten in den Alltag einfügt, sondern nach jemandem, der zu mir passt und trotzdem eine eigene Seele hat. Das hätte auch den Vorteil, dass wir weiter auf Kinder hoffen können, die zwei Elternteile aus Fleisch und Blut haben. Vorerst bleibe ich dabei: Man soll sein Herz nicht an Dinge hängen!

Über die Expertin:

Sandra ist promovierte Psychologin und von Beginn an mit Parship verbandelt. Bis 2010 leitete sie die wissenschaftliche Abteilung und entwickelte das Parship-Prinzip® stetig weiter. Als Matchmaking-Expertin steht sie uns heute wissenschaftlich beratend zur Seite. Außerdem coacht und berät sie im digitalen Business sowie Menschen in herausfordernden Lebenssituationen (sandra-spreemann.de). Ihre heimliche Leidenschaft – das Schreiben – macht sie hier für uns zur Tugend.