„Liebe heilt die Seele“

Diplom-Psychologin Eva Wlodarek ist überzeugt, dass die Einsamkeit „an den Wurzeln unserer Existenz rührt“ und das Gefühl unvergessen bleibt. Im Interview erklärt die Psychologin und Autorin wieso wir nicht fürs Alleinsein gemacht sind.

Bedrückend oder sogar schmerzlich: Jeder hat schon einmal Situationen durchlebt, in denen er sich einsam und verlassen gefühlt hat. Dieses ungute Gefühl sollte aber keinesfalls zu einem Zustand werden. Denn Einsamkeit erhöht laut wissenschaftlicher Studien das Risiko für eine Vielzahl ernstzunehmender oder sogar lebensbedrohlicher Erkrankungen. Wer sich alleine fühlt, ist gestresst, kann schlechter schlafen oder leidet eventuell unter Depressionen. Eva Wlodarek ist überzeugt, dass die Einsamkeit „an den Wurzeln unserer Existenz rührt“ und das Gefühl unvergessen bleibt. Im Interview erklärt die Psychologin und Autorin wieso wir nicht fürs Alleinsein gemacht sind.

Sie sagen Einsamkeit aktiviert die gleichen Hirnareale wie körperlicher Schmerz. Wie lässt sich das evolutionsbiologisch erklären? 

Wir sind soziale Wesen. In der menschlichen Evolution war es überlebenswichtig, zu einer Gruppe zu gehören, denn Einzelgänger hatten bei den vielfältigen Gefahren kaum Überlebenschancen. Diese Erfahrung ist offenbar bis heute wirksam, wie sich per Hirnscanner sogar physisch nachweisen lässt. Das schmerzhafte Gefühl der Einsamkeit warnt uns vor Isolation und will dazu anregen, dass wir wieder in Kontakt zu unseren Mitmenschen treten, ähnlich wie Hunger signalisiert, dass wir Nahrung zu uns nehmen müssen.

Personen, die sich allein fühlen, sind gestresster und haben ein höheres Krankheitsrisiko. Wie kommt das? Und: Können Liebe und soziale Beziehungen Krankheitsursachen und -symptome im Umkehrschluss bekämpfen?

Tatsächlich ergaben zahlreiche Studien, dass Einsame gegenüber Menschen mit guten sozialen Beziehungen im Nachteil sind, etwa durch höhere Ausschüttung von Stresshormonen oder größere Anfälligkeit für Infektionskrankheiten und Alltagsbeschwerden. Damit ist Einsamkeit vergleichsweise für die Gesundheit ebenso schädlich wie Übergewicht, Rauchen oder Bewegungsmangel. Das ist kein Wunder, denn Körper, Geist und Seele bilden eine Einheit. Wenn wir aufgrund von Einsamkeit deprimiert sind, hat das auch körperliche Auswirkungen. Genauso gilt: Liebe, gute Verbindungen und soziale Kontakte sind nicht nur Balsam für die Seele, sondern auch körperlich heilsam.

In Deutschland erleben wir einen Trend zur Versingelung. Es gibt mehr Single-Haushalte als je zuvor. Ist der Beziehungsstatus ein Gradmesser für Einsamkeit? 

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Schließlich ist nicht jeder Single automatisch einsam. Und dass man alleine wohnt, bedeutet ja keineswegs, dass man ohne gute Freunde oder eine Partnerschaft ist. Andererseits ist es anstrengender, Kontakt zu knüpfen und zu halten, wenn man alleine lebt. Das erfordert Eigeninitiative und Aktivität, die nicht jeder aufbringt. Von daher erscheint die Überlegung, die Anzahl der Einzelhaushalte mit möglicher Einsamkeit in Verbindung zu bringen, nicht ganz abwegig. Hier wäre eine großangelegte Untersuchung interessant.

Ist es wichtiger viele soziale Beziehungen zu haben oder reichen auch wenige enge Bindungen aus, um sich nicht einsam zu fühlen?

Wie viele Menschen wir zu unserem Glück brauchen, ist individuell unterschiedlich. Für manche reicht sogar eine einzige vertraute Person, andere wiederum baden gerne in der Menge. Die Anzahl der sozialen Beziehungen ist weniger wichtig als ihre Qualität. Die ist ablesbar an Verlässlichkeit, Vertrauen, Offenheit, Wertschätzung und positiver Unterstützung.

Der Mensch ist ein soziales Wesen. Gibt es den typischen Einzelgänger überhaupt oder sehnen sich im Grunde alle nach zwischenmenschlichen Beziehungen?

Manche Menschen neigen auf Grund ihrer Persönlichkeitsstruktur dazu, gerne allein zu sein und schätzen es, eigenständig zu arbeiten. Das heißt jedoch nicht, dass sie gänzlich ohne Liebes- oder Freundschaftsbeziehung sein möchten. Nur eben in größeren zeitlichen Abständen und mit weniger Nähe. Das ist völlig akzeptabel. Darunter finden wir übrigens oft künstlerisch oder wissenschaftlich Tätige oder Nerds.

Pessimismus, Verbitterung, übergroße Schüchternheit oder Egozentrik sind dagegen keine angeborenen Eigenschaften, sondern aus negativen Erfahrungen entstanden. Einzelgänger und Einzelgängerinnen mit diesen Merkmalen wünschen sich im Grunde ihres Herzens trotz ihres abweisenden Verhaltens Zuwendung, benötigen aber meist Hilfe, um ihre Einstellung zu ändern.

Ich bin davon überzeugt, dass wir als soziale Wesen gute zwischenmenschliche Beziehungen brauchen, um glücklich zu sein – aber wie wir sie gestalten, hängt von unserer Persönlichkeit ab

Über Eva Wlodarek:

Dr. phil. Eva Wlodarek ist Diplom-Psychologin mit langjähriger Praxis in Hamburg und eine gefragte Referentin mit Schwerpunkt Persönlichkeit und Kommunikation. Als Expertin vermittelt sie fundiertes Wissen in den Medien, u.a. 20 Jahre für die Zeitschrift  Brigitte. Ihre Ratgeberbücher sind Bestseller und wurden in sieben Sprachen übersetzt. Aktuell: „Einsam. Vom mutigen Umgang mit einem schmerzhaften Gefühl“, Kösel Verlag“ und „Passt genau. Endlich den richtigen Partner finden“, DPV.

www.wlodarek.de

Foto: Katrin Saalfrank