Mehr Zeit trotz weniger Zeit

Wie kann gesundes Zeitmanagement gelingen? Carmen Michaelis ist Organisationsberaterin und kennt sich mit diesem Problem aus.

Mehr Zeit trotz weniger Zeit

Was wir alle schon lange ahnten oder am eigenen Leibe spürten, ist jetzt wissenschaftlich belegt: Vielen Menschen in Deutschland mangelt es an Zeit. Welch massive Auswirkungen dies auf die Lebenszufriedenheit hat, zeigte jetzt eine Studie der Leuphana Universität in Lüneburg.

  • Neben Alleinerziehenden und kinderreichen Familien sind besonders die Selbstständigen von einem die Lebensqualität deutlich beeinträchtigenden Zeitmangel betroffen.
  • Ein zweites wichtiges Ergebnis der Studie: „Zeitmangel lässt sich zumindest teilweise durch ein höheres Einkommen kompensieren – und umgekehrt. Wer viel verdient und nur wenig Freizeit hat, ist also im Schnitt ähnlich zufrieden wie jemand mit einem geringen Einkommen, aber viel Freizeit.“ Besonders arm dran sind also diejenigen, die weder viel Zeit noch genug Geld haben, um zumindest mental die fehlende Zeit zu kompensieren.

Nun kann man sich leider mehr Zeit oder Geld nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Was man trotzdem tun kann, um doch mehr Zeit für die wichtigen Dinge zu haben, hat unsere Matchmaking Expertin Christiane die Hamburgerin Carmen Michaelis gefragt. Als Organisationsberaterin gibt sie unter anderem auch Seminare zum Zeit- und Selbstmanagement.

Frau Michaelis: Zu wenig Zeit zu haben macht unzufrieden. Das plagt heutzutage fast jeden. Tatsächlich kenne ich niemanden in meinen Umfeld, der sich nicht darüber beklagt. Offenbar ist es eine „Krankheit“ unserer Gesellschaft. Was machen wir falsch?

Falsch ist nicht der zutreffende Begriff. Die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit verschwimmen immer mehr. Die Geschwindigkeit im Alltag, ständige Erreichbarkeit und Verfügbarkeit durch Internet und Co und die Belastung durch die Mehrfachanforderungen im Beruf- und im Privatleben sorgen dafür, dass ein wirkliches Abschalten schlecht gelingt. Oft bleibt dann das Gefühl übrig, keinem gerecht geworden zu sein und nichts geschafft zu haben.

Es fehlt der sogenannte „Werkstolz“, das Gefühl und die Befriedigung, sein Tagwerk geschafft zu haben und in den wohlverdienten Feierabend zu gehen. Ein Satz des Philosophen Byung-Chul Han aus seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ fasst dies sehr schön zusammen: „Nicht die Beschleunigung als solche ist zerstörerisch, sondern die Unfähigkeit, zum Schluss zu kommen.“

Die Unzufriedenheit vieler Menschen steigt dadurch verständlicherweise.

Haben wir heute wirklich weniger Zeit als früher? Jammern wir nur mehr oder sind unsere Bedürfnisse nach Freizeit gestiegen?

Der Tag hat immer noch 24 Stunden. Diese Stunden sind aber nicht mehr in Arbeit, Freizeit und Schlaf strukturiert. Auszeiten sind nicht mehr per se vorhanden, sondern müssen bewusst geplant, manchmal erkämpft werden. Und die Störungen schleichen sich in unsere Entspannungszeiten ein, ohne, dass wir es merken. Das blinkende Smartphone am Abendbrottisch oder beim Kuscheln auf der Couch verhindert, dass Menschen sich auf eine gemeinsame Sache konzentrieren. Jede Unterbrechung der gemeinsamen Aktivität belastet in der Summe ungemein, da manchmal im Minutentakt von einer Anforderung auf eine völlig andere umgeschaltet werden muss. Das führt zu Stress. Insoweit: Die Zeit ist die Gleiche, die parallelen Anforderungen sind aber enorm gestiegen. Es gäbe keinen Grund zum Jammern, wenn es gelänge ein gewisses Maß an Freizeit tatsächlich vor Mehrfachanforderungen zu schützen.

Nun kann man sich mehr Zeit ja nicht einfach aus dem Hut zaubern. Die Kinder wollen versorgt werden, der Job erfordert entsprechende Präsenz und Engagement, da bleibt am Ende wenig Zeit zur freien Gestaltung. Und für die Partnerschaft auch nicht. In der Berufswelt ist das Thema Zeitmanagement längst angekommen und es gibt unzählige Seminare, um sich besser organisieren zu lernen. Wie ist das im Privatleben? Wie kann ich es schaffen, dass, trotz all der zeitraubenden Verpflichtungen, auch noch etwas Freiraum für mich und meinen Partner übrigbleibt?

Vieles aus dem beruflichen Zeitmanagement lässt sich auch in das Privatleben übertragen. Es ist nicht sexy, aber äußerst wirksam. Gemeinsam werden in der Partnerschaft, der Familie Regeln festgelegt. Feste Zeitfenster für Aktivitäten, die auch im Kalender eingetragen sind, störungs- und medienfreie Zeiten, gemeinsame Rituale –ich frühstücke zum Beispiel in der Woche mit meiner Familie im Bett. Wir plaudern und chillen, bevor der Alltag losgeht. Das ist uns wert, eine halbe Stunde früher aufzustehen. Wer zu eigenen Zielen und Bedürfnissen „Ja sagt“, sagt leichter „Nein“ zu unerwünschten Forderungen.

Und dann natürlich klare Absprachen: Gute terminliche Vereinbarungen sind eine unbedingte Voraussetzung für ein gelingendes Privatleben. Familien- oder Paar-Regeln sind einfach zu finden: Mehr als zwei Abendtermine werden nur angenommen, wenn sie zu Hause abgestimmt sind. Pro Monat gibt es mindestens ein völlig arbeitsfreies Wochenende. Arbeit am Wochenende wird in einem festen Zeitfenster erledigt. Zu Hause ist das Smartphone abgeschaltet, unvermeidliche Erreichbarkeit gegen die Regel wird angekündigt. Der Jahresurlaub wird tatsächlich genommen, davon mindestens drei Wochen gemeinsam. Solche Regeln lassen sich viele finden.

Wird somit nicht alles durchgetaktet? Verliert man die Muße für den Genuss des Augenblicks? Es lässt sich ja schwerlich auf Knopfdruck entspannen und zufrieden sein.

Wenn Paare erst einmal mit solchen Vereinbarungen und Ritualen eine positive Routine gewonnen haben, muss sich wahrlich niemand auf Knopfdruck entspannen. Es geht ja vor allem darum, Zeitfenster zu schaffen, in denen gemeinsam „geinselt“ werden kann. Diese stellen sich leider nicht von selbst her. Die Entstehung der Regeln und Rituale kann mit Spaß verbunden werden und gemeinsam erfolgen. Statt Durchtaktung entsteht dann Vorfreude, Aufgaben werden verteilt, Kurzreisen geplant, Theater, Kinobesuche, der gemeinsame Kochabend am Sonntag vor dem Tatort.

Ein interessantes Ergebnis der Studie ist, dass sich mit Geld zumindest teilweise ein Zeitmangel kompensieren lässt. Auf die Spitze getrieben könnte man dem Partner als Ausgleich für mangelnde Zeit einfach etwas Schönes schenken (vielleicht ein Abo für den Sportclub, dann kann er sich allein beschäftigen ;-)). Ich glaube, dass wir wirklich teilweise so unsere fehlende Aufmerksamkeit und Zeit füreinander kompensieren. Und unser schlechtes Gewissen beruhigen. Das kann ja wohl kaum auf Dauer funktionieren. Was ist ihr Ratschlag für Paare, die einfach keine Zeit füreinander finden?

Geld kann Zeit sparen, die wir in die Beziehung investieren können. Wenn die Wohnung nicht selbst geputzt werden muss oder die Wäsche in die Reinigung gegeben wird, entsteht natürlich zusätzliche Zeit. Wenn solche finanziellen Spielräume bestehen, rate ich allen, sie auch zu nutzen.

Das Paar oder die Familie muss sich und die gemeinsame Zeit genauso prioritär behandeln, wie andere Anforderungen, die auf sie einstürmen. Es geht dabei nicht immer um Quantität. Den Genuss des Moments kann es nur geben, wenn die uneingeschränkte Aufmerksamkeit füreinander da ist. Und diese Möglichkeit hat jedes Paar selbst in der Hand.

Spielräume für gemeinsame Zeiten mit Partner und Kindern gibt es immer, manchmal sind sie verborgen. Es lohnt sich, sie zu finden. Ich kenne niemanden, dem das nicht gelungen ist.

So bediene ich mich für meinen letzten Ratschlags eines Zitats von Franz Kafka: “Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.”

Über Carmen Michaelis:

Carmen Michaelis ist Diplom-Pädagogin und Organisationsberaterin. Nach neunjähriger Führungstätigkeit auf Unternehmensseite arbeitet sie seit zwölf Jahren im Bereich Coaching, Moderation und Organisationsentwicklung. Wie sie anspruchsvollen Job und nicht minder aufregendes Familienleben mit Mann, dem Hamburger Arbeits- und Sozialsenator Detlef Scheele, und elfjähriger Tochter Merle unter einen Hut bekommt? Natürlich mit perfektem Zeitmanagement. ;)

Zu ihrer Webseite