Wunschväter Report 2014: So ist der moderne Papa

Wie steht es um Männer, die heutzutage nicht nur Karriere, sondern auch ihre Kinder im Sinn haben? Unsere Matchmaking-Expertin Christiane Lénard hat mit dem Experten Volker Baisch gesprochen.

Berichte über die angebliche Unvereinbarkeit von Kind und Karriere stapeln sich, sei es in Form von Ratgeber-Büchern oder Frauenzeitschriften. Aber was ist eigentlich mit der „besseren Hälfte“? Wie steht es um Männer, die heutzutage nicht nur Karriere, sondern auch ihre Kinder im Sinn haben? Unsere Matchmaking-Expertin Christiane Lénard hat mit einem Experten gesprochen: Volker Baisch ist Geschäftsführer und Gründer der Väter GmbH.

Parship Blog Logo Väter GmbHHerr Baisch, Sie sind Unternehmensberater und Gründer der Väter GmbH. Was genau ist die Väter GmbH und wie kam es dazu?

Die Idee ist aus meiner eigenen Erfahrung entstanden, als ich Vater wurde. Damals, also vor 13 Jahren, haben die Leute noch viel häufiger die Stirn gerunzelt wenn man sagte „Ich gehe jetzt ein Jahr in Elternzeit“.

Ich habe mich dann gefragt: Wie kann es sein, dass es immer heißt “Väter an den Wickeltisch“, es aber in Unternehmen keine entsprechende Beratung oder Unterstützung gibt? Ich wollte diesen Wunsch nach Rollenwechsel unterstützen und habe ein Coaching-Angebot für junge Väter in genau dieser Situation aufgebaut. Mehr und mehr stellte ich dann fest, dass es im Grunde nicht nur die Väter sind, die Beratung brauchen, sondern vielmehr die Unternehmen. Sie müssen ja die Rahmenbedingungen überhaupt erst schaffen: Strukturen, Kommunikation, all dies.

So hat sich aus dem Beratungsangebot für Väter eines für Unternehmen entwickelt – und so ist die Väter GmbH heute bundesweit tätig.

Für Frauen ist die Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit schon lange ein Thema. Was ist denn aus Vätersicht anders? Was sind die Wünsche der Väter in Bezug auf Vaterschaft, Familie, Partnerschaft, Job und Karriere?

Jeder zweite Mann will Karriere machen, bei den Frauen ist es nur jede Dritte – und wenn erst ein Kind auf der Welt ist, nimmt die Zahl noch weiter ab. Auch wenn viele Frauen heutzutage Karriere und Familie verbinden wollen, wirken alte Rollenbilder immer noch nach. Väter sind natürlich bei der Geburt dabei, nehmen sich vielleicht auch mal zwei Monate Elternzeit – aber danach sollen sie auch wieder im Unternehmen einsatzfähig sein. Karriere geht nicht in Teilzeit, meinen nach wie vor viele Führungskräfte.

Bei jungen Paaren wandelt sich die Einstellung jedoch: Sie sehen sich stärker als Team und wollen ihre Aufgaben gleichmäßiger teilen. So antworten junge Frauen in unserer aktuellen Studie auf die Frage, wie viel sie arbeiten würden, meist mit 60%, Männer mit 80-85%. Das vermehrt gewünschte Modell ist laut unseren Erkenntnissen also eine reduzierte Vollzeit für Väter und Teilzeit für Mütter.

Ich selbst bin Mutter eines 1-Jährigen und bei uns war es ganz klassisch, ich nehme Elternzeit und mein Mann geht weiter arbeiten. Allerdings ist er auch als Arzt selbstständig und es wäre sicher nicht die beste Lösung gewesen, die Praxis zu schließen. Wir kennen aber viele Paare, bei denen die Mutter ein Jahr zu Hause geblieben ist und der Vater zwei Monate Elternzeit genommen hat, allerdings in den meisten Fällen mit einem schlechten Gefühl und Bedenken, wie es dann sein wird, wenn er wieder zurück an den Arbeitsplatz kommt. Die Angst, sich Karrierechancen zu verbauen ist doch sehr groß. Was raten Sie diesen Männern, wie sie sich von solchen Bedenken freimachen können? Was raten Sie Selbstständigen und anderen Männern, die sich im Job für unabkömmlich halten oder es tatsächlich sind?

Ich rate grundsätzlich zu mehr Gelassenheit. Auch wenn viele junge Väter den Anspruch haben – es geht tatsächlich nicht, 100% Karriere zu machen und gleichzeitig 100% für die Familie da zu sein. Hier ist schlicht die innere Haltung wichtig – abwägen, Prioritäten setzen.

Ganz entscheidend sind aber auch männliche Vorbilder und Ansprechpartner. Die fehlen ganz häufig einfach – z.B. Führungskräfte in Unternehmen, die nicht Vollzeit arbeiten und jüngeren Nachwuchsvätern damit Mut machen. Vorbilder können die Verunsicherung nehmen und Orientierungspunkte geben und sind ganz entscheidend – auch, weil sich bisher alle Kommunikation zum Thema „Vereinbarkeit von Familie und Karriere“ auf die Mütter konzentriert. Frauen haben einen großen Vorsprung, was Netzwerke und Beratungsangebote angeht, den Männer erst einmal aufholen müssen.

Bestimmte Rollenzuschreibungen sind ja auch ganz hilfreich und ersparen uns ewige Verhandlungen darüber, wer was macht. In der Regel werden Wäsche und Haushalt von den Frauen übernommen, auch wenn beide Partner Vollzeit arbeiten. Den Rasen mäht der Mann und er holt auch die Getränkekisten. Manchmal nimmt es auch irrwitzige Züge an:

Wir hatten vor kurzem einen Umbau im Haus und obwohl ich daheim war und alle Arbeiten überwachen konnte (und unter uns, auch handwerklich und technisch versierter bin als mein Mann), fragten die Handwerker immer wieder, ob mein Mann da wäre oder man ihn anrufen könne, denn es gäbe diese oder jene Entscheidung zu treffen.

Sind Sie der Meinung, dass man immer wieder neu die Verantwortlichkeiten definieren und verteilen sollte, um alte Rollenbilder über Bord zu werfen?

Ich bin klar der Ansicht, Rollen nicht als Selbstzweck ständig in Frage zu stellen, sondern sie pragmatisch aufzuteilen. Ich kenne Situationen wie die, die Sie oben geschildert haben, aus eigener Erfahrung. Auch bei unserem Wintergarten-Umbau war meine Frau eigentlich Ansprechpartnerin für die Handwerker, trotzdem wurde ständig nach mir gefragt – der Klassiker, der überhaupt nicht mehr in die heutige Gesellschaft passt.

Aber genau solche Situationen sind wichtig, denn sie stoßen Lernprozesse bei jedem einzelnen an. Beim Handwerksmeister, der sich mit der Frau des Hauses auseinandersetzt, genauso wie bei der Grundschullehrerin, die beim vergessenen Turnbeutel immer nach der Mutter verlangt – die beiden werden sicherlich ihr persönliches Rollenverständnis überdenken, vielleicht in Frage stellen, vielleicht ändern.

Schließlich hat ein modernes Rollenverständnis bzw. eine moderne Rollenverteilung unglaublich viele Vorteile. Ich bin beispielsweise bei meinen Töchtern verantwortlich für alles, was Ärzte angeht: Ich kümmere mich um Impftermine, Vorsorge beim Zahnarzt, Kinderarzt und so weiter. Dadurch hab ich mir ein ziemliches Wissen angeeignet.

Paare müssen diese neue Aufteilung – wenn sie sie leben wollen – natürlich lernen. Das kann mühsam sein, denn es benötigt viel Abstimmung und ist vielleicht komplizierter. Aber letzten Endes profitieren beide davon.

Was sagen denn die Mütter dazu? Wollen sie überhaupt die Verantwortung für die Familienorganisation an ihre Männer abgeben?

Das kommt drauf an – Frauen fühlen sich oft grundsätzlich verantwortlich, was z.B. Kinder betrifft. Das kann dann schnell in Überforderung umschlagen. Andersrum fühlen sich eben Männer tendenziell eher in der Verantwortung, die Versorgerrolle zu übernehmen.

Vor allem junge Paare haben den Anspruch, es anders zu machen. Natürlich hängen viele Entscheidungen von der jeweiligen Mann-Frau-Konstellation ab. Es gibt da ganz unterschiedliche Gruppen mit sehr differenzierten Rollenvorstellungen.

Ich beobachte grob drei Tendenzen: Eine kleine Gruppe von Paaren, die ein traditionelles Rollenverständnis von „Frauen- und Männer-Zuständigkeiten“ hat und eine ebenfalls kleine Gruppe, die eine moderne Rollenverteilung wünscht, diesen Trend vorgibt und auch lebt.

Die größte Gruppe ist meiner Ansicht nach die, die eine moderne Rollenverteilung möchte, aber unsicher ist, wie man sie umsetzen kann. Ganz selbstverständlich werden Karriere und Familie gleichberechtigt gesehen – sobald jedoch die Frage nach dem nächsten Karriereschritt im Raum steht, ist die Verunsicherung da. Diese Verunsicherung muss genommen werden – durch Beratung, durch Angebote und auch durch die Politik, die neue Rahmenbedingungen schaffen muss.

Für die Partnerschaft ist es extrem wichtig, dass man neben fürsorglichen Eltern auch Paar bleibt. Viele Partnerschaften zerbrechen nicht nur deshalb, weil die Verantwortlichkeiten nicht gerecht verteilt sind, sondern auch weil man sich nach der Geburt der Kinder als Mann und Frau aus den Augen verloren hat. Nicht selten kommt der Vorwurf aus dem Mund der Männer, die sich beklagen, dass die Frau nur noch mit der Sorge um die Kinder beschäftigt ist, vermutlich auch, weil sie die größte Last der Verantwortung trägt. Aus ihrer Sicht als Ehemann und Vater, wie kann man es schaffen alles zu sein?

Man muss nicht schaffen alles zu sein, sondern lernen, gelassener zu werden – als Mann und als Frau. Und ich sehe es ganz genau so – funktionierende, stabile Partnerschaften sind ganz essenziell für aufwachsende Kinder. Ich plädiere dafür, nicht ausschließlich die Kinder in den Mittelpunkt zu stellen, sondern auch mal sich selbst als Paar. Übertriebene Behütung des Nachwuchses und ein ständiger Förder-Zwang tun Kindern nicht gut – Eltern, die eine glückliche Beziehung führen, dagegen schon.

Und wie ist es bei Ihnen Herr Baisch? Wie bekommen Sie alles unter einen Hut? Haben Sie auch Elternzeit genommen, als Ihre beiden Töchter geboren wurden? Ist Ihre Frau berufstätig? Wie teilen Sie sich die Familienarbeit?

Meine Frau und ich haben das große Glück, dass wir beide als Selbstständige von einer unglaublichen Flexibilität bei unserer Zeiteinteilung profitieren. Uns ist natürlich bewusst, dass diese Freiheit ein Luxus ist, den nicht jeder genießen kann. Wir können auch mal nachmittags früher aus dem Büro und mit den Kindern schwimmen gehen, setzen uns dafür abends noch einmal an den Schreibtisch. Natürlich müssen wir aber genauso viel organisieren. Ohne unsere Kinderfrau als Verstärkung geht es nicht, wenn meine Frau oder ich mal mehrere Tage beruflich unterwegs sind.

Unser Ziel ist es, dass wir unsere Kinder im Aufwachsen partnerschaftlich begleiten, also möglichst immer einer von uns beiden bei den Hausaufgaben oder beim Abendessen dabei ist. Das wünschen sich unsere Kinder genauso. Das geht, weil wir uns aufteilen, wir beide für unsere Töchter gleichermaßen Ansprechpartner für alle Themen sind – trotz unserer Schwerpunkte, so wie ich z.B. das Thema Arzt. Ich mache Dinge anders als meine Frau, sie regelt Angelegenheiten anders als ich. Das entlastet uns nicht nur, auch unsere Kinder profitieren davon. Sie haben nicht nur 50% der Elternkompetenz in einer Person.

Über Volker Baisch:

Der Diplom-Sozialwirt ist mit seiner Väter GmbH seit über zehn Jahren in Unternehmen tätig und begleitet dort Veränderungsprozesse zugunsten von der Vereinbarkeit von Job und Familie speziell für Väter. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern in Hamburg.