Schluss mit luschig – Anleitung zum Mannsein

Der moderne Mann steckt in einer Krise. Die Emanzipation der Frau hat inzwischen ihre Blüten getrieben. Eine vergleichbare Männerbewegung gibt es bis zum heutigen Tag nicht, auch wenn sich immer mehr Autoren dieses Themas angenommen haben.

In dieses Vakuum hinein bloggt sich seit einigen Jahren Julian Hartmann auf „Schluss mit luschig“ die Finger wund und hat jüngst auch ein Buch zum Thema veröffentlicht. Sein erklärtes Ziel: den orientierungslosen Mann zur Selbstreflexion anregen. Denn die hat er bitter nötig, will er nicht als weichgespülter Schluffi oder archaischer Macho enden. 
 
Wir haben mit Julian gesprochen.

Julian, Hand aufs Herz: Wie schlecht ist es um den Mann von heute bestellt?

Ich stelle schon lange fest: Der Mann in den Dreißigern ist verwirrt. Er eiert herum … mich eingeschlossen. Man kann das natürlich nicht pauschalisieren, aber das Konzept des metrosexuellen Softis scheint mir gescheitert zu sein. Was Frauen wollen, sind Männer, die echte Kerle sind – nach wie vor. Da braucht man sich nichts vorzumachen. Und diejenigen Männer, die ihre weiche Seite erst kennengelernt und ausgebildet haben, die blicken nun dumm aus der Designerwäsche und stellen sich Fragen. Viele Fragen. Das ging mir genauso. Also habe ich mich näher mit dem Thema beschäftigt. Ich wollte und will begreifen, was mich als Mann ausmacht? Ich befürchte nur, dass meiner Generation ein wenig die Männlichkeit verloren gegangen ist.

Du widmest dich auf “Schluss mit luschig” dem modernen Typ Mann, der sich auf seine Wurzeln besinnen soll: Rückgrat haben, um die eigenen Stärken und Schwächen wissen, Persönlichkeit entwickeln und diese auch zeigen, ohne zu protzen. Weshalb hast Du Dir dieses Thema auf die Fahnen geschrieben?

SchlussmitLuschig_LogoDer moderne Mann, wie ich ihn mir vorstelle, soll sich auf seine männlichen Wurzeln besinnen, aber er soll auch emanzipiert, gleichberechtigt und fortschrittlich sein. Der moderne Machismo ist eben nicht rückwärstgerichtet. Die Testosterontonis der steinzeitlichen Macho-Schule haben ausgedient (wer das Frühwerk von Alice Schwarzer noch immer verteufelt, dem ist nicht zu helfen). Was ich fordere, ist ein Update Mann.Ein Mann 2.0. Er soll Männlichkeit zu 100 Prozent zulassen, sich aber unbedingt fortentwickeln. Er soll sich eMANNzipieren!

Frauen mussten sich Jahrzehntelang emanzipieren, Männer hatten es vergleichsweise bequem. Jetzt sind wir dran. Bis ich zu dieser Erkenntnis gelangt bin, war es ein schmerzvoller Prozess. Auslöser war – was sonst? – dass mich die Frau, die ich liebte, für einen dominanten Karrieristen verlassen hat… Ob ich es schaffe, mich in meinem Sinne zu eMANNzipieren, weiß ich selbst noch nicht. Aber ich gebe mir die größte Mühe, um herauszufinden, ob das der richtige Weg ist.

Daran möchte ich meine Leserinnen und Leser teilhaben lassen und betonen, dass Frauen auch herzlich eingeladen sind mitzudiskutieren, denn mir geht es nicht um Abgrenzung, sondern um das Zusammenspiel. „Schluss mit luschig“ ist ein Experiment. Ein hoffentlich inspirierendes und unterhaltsames Experiment.

Was macht es schwierig, heute seine eigene Männlichkeit zu finden? Ist es der Mangel oder das Überangebot an männlichen Vorbildern?

Vorbilder gibt es in der Tat genug. Zeitlose wie die fiktive Figur des Mr. Darcy aus Jane Austens „Stolz und Vorurteil“, etablierte wie George Clooney, neue wie Robert Pattinson … Das Angebot ist groß, vielleicht zu groß. Ein wenig Orientierung tut da Not. Und genau das möchte ich mit meinem Blog bieten: Orientierung statt Verwirrung. Indem ich Männerbilder durchkonjugiere, berühmte Persönlichkeiten zu Wort kommen lasse, Traummänner analysiere und diskutiere.

Viele Männermagazine bedienen die immergleichen Klischees: Frauen, Autos, Uhren. Aber man kann und sollte die Männer ruhig mal herausfordern, finde ich. Im Übrigen verstehe ich meine Beiträge, darunter auch meine Listen, als Inspiration, nicht als Handlungsanweisung wider dem Herumeiern. Einige verstehen das zuweilen falsch, aber bei all der Ernsthaftigkeit sollte das Thema meist mit der nötigen Süffisanz behandelt werden.

Wie wirkt sich dieses Herumeiern der Softis auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau aus? Das verkompliziert doch alles nur… Oder brauchte es nicht auch eine Generalüberholung des Männerbildes, nachdem sich die Frauen in den letzten Jahrzehnten regelrecht neu erfunden haben – auch wenn das noch nicht in allen Bereichen der Gesellschaft durchgedrungen ist?

Generalüberholung? Ja, das gefällt mir. Davor drücken wir Männer uns sowieso zu oft. Das beginnt schon mit regelmäßigen Check-Ups beim Arzt. Aber ich sage: Schluss mit luschig! Was Männer wieder lernen müssen, ist Souveränität. Klare Ansagen. Entschlossenheit.

Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass Frauen immer das letzte Wort haben und Beziehungsmänner zu ewigen Schweigern werden müssen. Der moderne Machismo, wie ich ihn verstehe, vereint Männer, die Frauen auf Händen tragen und sich kümmern, sich aber zu keiner Zeit einlullen lassen oder vor klaren Ansagen drücken. Wir haben unseren eigenen Rhythmus, und den fordern wir wieder ein.

Was wäre Dein Tipp an die Männer wie auch Frauen, um in dieser Quasi-Identitätskrise dem anderen annähern zu können?

Das A und O ist Kommunikation, liebe Männer. Frauen reden gerne, also redet mit ihnen. Am Besten verwickelt ihr die Frauen in Gesprächsthemen beim Date, bei denen ihr euch auch auskennt. Dazu ein paar Komplimente – aber bitte nur konkrete, außergewöhnliche – und schon sollte das Gespräch laufen… Vorausgesetzt, ihr achtet auch ein wenig auf euer Äußeres und entwickelt euren eigenen Stil. Da haben viele Männer immer noch Nachholbedarf und sind nicht nur kanten-, sondern auch konturlos.

Was auch noch wichtig ist, ist stille Aufmerksamkeit. Achtet zum Beispiel darauf, dass das Glas eurer Begleitung nie leer ist. Eine Kleinigkeit, gewiss, aber eine, die Wunder bewirken kann. Ach ja, noch ein Flirttipp: Je hübscher eine Frau ist, desto frecher könnt ihr ihr kommen. Nett und schüchtern sind alle anderen. Das alles ist zwar leichter gesagt, als getan, ich weiß… Und wie ich das weiß… Aber wer nicht wagt …

Was fällt Dir zu folgenden Namen und Begriffen ein … Mr. Darcy?
Zeitloser Traum vieler Frauen (ich möchte nicht über ihn reden).

… Tom Cruise?
Guter Schauspieler.

… Neil Strauss?
Sein Buch „Die perfekte Masche“ zeigt eindringlich, wie die Pick-up-Szene funktioniert, zumindest in den USA – und wie sie Menschen krank macht.

… Ryan Gosling?
Wär er mal im Mickey-Mouse-Club geblieben!

… Emanzipation mit einem n?
Für Gleichberechtigung zu kämpfen ist wichtig.

… Dandys?
Ich kann ihren Modetick verstehen (ich brauche dringend neue Schuhe).

… platonische Liebe?
Ein schöner Mythos.

… Anmachsprüche wie „Du musst der wahre Grund für die globale Erderwärmung sein”?
Herrschaftszeiten, wie peinlich! Die meisten vorgefertigten Sprüche sind bescheuert und klare Eigentore. Es ist doch völlig egal, was du sagst. Hauptsache, du sprichst sie an. Am besten mit einfachen Worten über das, was gerade um euch herum passiert. Meistens läuft die Unterhaltung schneller an, als du denkst.

… Coq au vin?
Mein Lieblingsessen (allerdings in der kleinen Abwandlung „Coq au Julian“ mit bayerischem Whisky und noch mehr Rotwein)! Wer den Roman „Für immer Juli“ liest, der erfährt, wie inspirierend so ein Festschmaus sein kann (bei der Küchenorgie wurde der Begriff der Emannzipation geboren, wusstet ihr das?).

Welche drei Charaktereigenschaften vermisst Du am „Mann von heute“?
Hm, mal überlegen. Hin und wieder stelle ich fest, dass es uns an Selbstreflexion mangelt, unbedingt auch an Selbstironie und an der Bereitschaft, uns zu entwickeln. Wer über sich selber lachen kann, gleichzeitig über sich und sein Mannsein nachdenkt und bereit ist, nicht in gestrigen, patriarchatsähnlichen Mustern zu verharren, ist auf einem guten Weg.

Männerbewegungen werden langsam wieder in (gab es denn je welche?) – insbesondere im Internet wird fleißig über deren konkrete Ausgestaltung diskutiert und gestritten. Von den Aufreißerforen der Pick-up-Community über die Reemotionalisierung des Mannes bis hin zu spirituellen Ansätzen. Wo verortest Du Dich selbst?

Stimmt, es geht gerade rund und das ist gut so. Ich selbst verfolge den schelmischen Ansatz, setze auf inspirierende Unterhaltung. Die Genderdebatte wird verbissen genug geführt, ihr mangelt es eindeutig an Humor. Aber im Wort Unterhaltung steckt auch das Wort Haltung. Die ist mir ebenso wichtig. Deshalb findet man in den Listen, Typologien und Kolumnen meines Buches viele klare Anregungen zur Emannzipation. Ach ja, das Umarmen von Bäumen überlasse ich lieber anderen, und auch mit selbstherrlichen Pick-up-Gurus und Viagra-Bloggern kann ich nicht viel anfangen.

Welche Werte verkörpert eine Anti-Lusche und wie wird man eine?
Der moderne Mann, wie ich ihn mir vorstelle, steht zu seiner Männlichkeit: für selbstsicheres Auftreten, Entschlussfreudigkeit, Selbstbestimmung und Stärke muss sich keiner schämen. Er fördert die Gleichberechtigung und ist bereit, sich zu entwickeln. Testosteron ja, Testosteron-Toni nein! Mein Motto.

„Schluss mit luschig“ finden Sie im Netz:
Hier geht’s zum garantiert anti-luschigen Blog, auch auf Facebook finden Sie Julian.

Informationen zum Buch:
Julian Hartmann: Schluss mit luschig! Anleitung zum Mannsein, rororo, 160 Seiten, € 9,99.

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