Neue Liebe nach der Trennung

Wie übersteht man eine Scheidung und schafft es dann, sich ein zweites Mal für die Ehe zu entscheiden? Das beschreibt Bestsellerautor und Spiegel-Kolumnist Jan Fleischhauer, heute mit einer Frau verheiratet, die er bei Parship kennenlernte, in seinem neuesten Buch. Lesen Sie hier exklusiv einen Auszug aus dem Kapitel „In der Parship-Welt“.

„Ich meldete mich zwei Wochen nach meinem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung bei Parship an. Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber ich vermute, der Anteil der Trennungsopfer unter den Neukunden ist hoch. Wer verlassen wurde, sucht Anerkennung und Bestätigung. Da kommt das Angebot, auf elektronischem Weg in die Single-Welt eingeführt zu werden, gerade recht.

Eine Scheidung ist auch keineswegs ein Hindernis im Dating-Geschäft.

Ab einem gewissen Alter gilt sogar eher das Gegenteil. Wer mit 40 noch nie verheiratet war, bei dem fragen sich die Leute unwillkürlich, ob er zu den Menschen gehört, die ein Bindungsproblem haben.

Das Angebot war nicht ganz billig, es kostete mich 34,90 Euro im Monat. Man kann es billiger haben. Man kann sich auf Lovescout24 registrieren lassen, wo man schon für die Hälfte dabei ist, oder bei Tinder, da zahlt man gar nichts. Dafür bieten einem diese Seiten auch deutlich weniger Hilfe bei der Auswahl möglicher Partner.

»Wer länger dabei ist, lernt Auswahl zu schätzen«, sagte Sahra. »Ein unglücklich verlaufendes Blind Date kann einem sehr, sehr lang vorkommen.«

Sahra nimmt für sich in Anspruch, mich auf die Idee mit Parship gebracht zu haben. Sie hat mich vor Kurzem noch einmal in einer Mail daran erinnert. Sahra hat die Dinge gerne unter Kontrolle. Es verschafft ihr ein gutes Gefühl, wenn sie den ersten Eindruck gewinnt, das Leben ihrer Freunde in die richtige Richtung gelenkt zu haben.

Sahra ist seit sieben Jahren glücklich mit einem erfolgreichen Immobilienanwalt verheiratet. Sie würde das Wort »glücklich« vermutlich mit einem Fragezeichen versehen, nicht weil sie an der Liebe ihres Mannes zweifelt, sondern weil ihr wie vielen Frauen, die sich mit der Kindererziehung allein gelassen fühlen, der Alltag zwischen Arbeit und Zuhause immer wieder über den Kopf zu wachsen droht. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, woher sie ihre Expertise im Dating-Geschäft bezieht. Auf der anderen Seite kann sie einem mit der gleichen Gewissheit, mit der sie einen zu Parship lotst, auch sagen, wie man einen Förderantrag für eine TV-Dokumentation über das Leben klimaneutral lebender Eskimos in den Außenbezirken von Montreal so aufsetzt, dass das Medienboard Berlin-Brandenburg nicht umhin kann, den Antrag umgehend zu bewilligen. Damit verglichen ist Online-Dating wiederum eine vergleichsweise konventionelle Angelegenheit.

Es gibt andere Wege, jemanden Neues kennenzulernen, als über eine Partnerbörse, auch das ist wahr.

Man kann darauf warten, dass man auf einer Party angesprochen wird. Oder hoffen, dass sich Freunde erbarmen und ein Abendessen arrangieren, zu dem sie jemanden einladen, von dem sie glauben, dass er zu einem passen könnte.

»Du musst unbedingt Anna kennenlernen. Sie kann übrigens dein letztes Buch fast auswendig, so oft, wie sie daraus zitiert«, sagte meine Freundin Marion und zwinkerte mir verschwörerisch zu. Marion hat nach ihrer Schulzeit zwei Jahre in Poona als Sannyasin verbracht. Sie ist sehr stolz auf ihre Menschenkenntnis. Ich wagte es nicht, ihr zu sagen, dass ich Frauen, die seitenweise aus konservativen Büchern zitieren können, eher suspekt finde.

»Setzt euch doch nebeneinander«, hieß es, als sich Anna und ich zu einem Abendessen im kleinen Kreis einfanden. Schon vor dem Hauptgang ging uns der Gesprächsstoff aus, obwohl sogar unsere Aszendenten günstig standen.

»Oh, ich glaube, jetzt haben wir doch alle zu viel von dem wunderbaren Wein getrunken«, erklärte Marion aufgekratzt, als es Zeit zum Aufbruch war. »Ich könnte euch ein gemeinsames Taxi rufen, ihr müsst ja in dieselbe Richtung.« Sahra hat recht: Blind Dates können einem sehr lang vorkommen, auch wenn sie arrangiert sind.

Es entspricht unserer Vorstellung von Romantik, sich bei der Partnerfindung dem Schicksal anzuvertrauen und nicht dem Algorithmus eines Online-Dienstes. Leider hat diese klassische Form der Anbahnung den Nachteil der kleinen Zahl.

Je exklusiver wir die Menge möglicher Kandidaten halten, desto geringer ist die Chance eines Treffers.

Auch Erfolg in der Liebe ist am Ende eine Sache der Stochastik. Deshalb sind Partnerbörsen ja so erfolgreich.

Es ist nicht schwer, Zugang zur Parship-Welt zu finden. Man muss nur einen Fragebogen ausfüllen und ein Foto online stellen. Die digitalen Datinghelfer gehen diskret vor. Die Antworten auf die Fragen sieht jeder, der sich auf der Seite angemeldet hat, komplettiert mit Angaben zu Alter, Beruf, Körpergröße, Familienstand, Ausbildung, Wohnort und Sprachkenntnissen. Das Foto hingegen bleibt zunächst verschwommen, eine reizvolle Andeutung des äußeren Erscheinungsbildes, in das der Betrachter alles an Wünschen hineinlesen kann, was ihm in den Sinn kommt. Im Grunde geht es zu wie bei einem venezianischen Kostümball, wo die Teilnehmer ihr Gesicht hinter einer Maske verbergen, um ihre Identität zu schützen. Erst wenn ein Kontakt soweit etabliert ist, dass man sich offenbaren will, tritt man aus der Anonymität heraus. Das Foto, das bis eben nur in Konturen zu erkennen war, stellt sich auf Knopfdruck scharf.

Ich habe einige Zeit mit der Erstellung meines Parship-Profils verbracht.

Man will nicht zu viel von sich preisgeben. Anderseits darf man auch nicht zu unverbindlich bleiben. Lustig und spontan soll es klingen, was man über sich schreibt, gleichzeitig nachdenklich und irgendwie auch gefühlvoll. Schließlich will man nicht einen möglichen Arbeitgeber von sich überzeugen, sondern jemanden, mit dem man im Idealfall den Rest seines Lebens verbringt.“

Alles ist besser als noch ein Tag mit dir

 

Jan Fleischhauer

Alles ist besser als noch ein Tag mit dir

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 208 Seiten
ISBN: 978-3-8135-0704-1

€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
Verlag: Knaus

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