Trennungsangst: Mann liegt im Bett und denkt nach

Trennungsangst: Lieber gemeinsam leiden statt alleine leben?

21.12.2017 Jana Weinberg

Melanie und Jörg sind todunglücklich miteinander. Das sieht jeder im Freundeskreis. Und selbst die beiden wissen es. Jörg leidet unter Melanies Eifersuchtsattacken und ihrem Kontrollwahn. Aber er macht sich selbst Vorwürfe. Kann keinen Schlussstrich ziehen. Sie will es gar nicht: Denn sie will nicht solo sein. Lieber leiden, statt alleine zu sein. Beide erstarren in der Trennungsangst.

Inhalt:

Generell steht fest: Jeder hat Angst vor Trennung!

Von dem Phänomen der Trennungsangst sind viele Menschen betroffen, auch wenn es nicht immer so dramatisch laufen muss wie bei Melanie und Jörg. Denn: In jedem Menschen steckt sie, und zwar von Geburt an! Wer einmal selbst erlebt hat, welche herzzerreißenden Dramen sich abspielen können, wenn man als Kind das erste Mal in den Kindergarten gebracht wurde und erlebt hat, wie sich deine Eltern von dir „abwenden“ und dich „alleine zurücklassen“, kann nachvollziehen, dass diese Trennungsangst zu Panik und Verzweiflung führen kann.

Im Regelfall stellt ein gesundes Maß an Angst auch kein Hindernis dar. Das Gefühl ist ein zunächst neutraler Instinkt, der Menschen zur Aufmerksamkeit und Vorsicht mahnt. Problematisch wird es, wenn zum Beispiel die Trennungsangst in einer Beziehung den Betroffenen regelrecht beherrscht. Dann lähmt sie nicht nur ihn oder sie, sondern wirkt auch negativ auf das ganze engere Umfeld. In diesem Fall ist es besonders schwer, sie zu überwinden.

Trennungsangst: Die Gründe liegen in der Kindheit

Verlustangst, und nichts anderes ist diese Furcht, ist angeboren. Normalerweise lässt dieses Gefühl mit dem Heranwachsen nach oder verschwindet ganz. Gab es in der Kindheit jedoch negative Erlebnisse, kann die Trennungsangst zum steten Begleiter werden. Dazu zählen:

  • Tod eines Elternteils oder wichtiger Bezugspersonen (Onkel, Patentante)
  • Trennung der Eltern
  • Häufige Umzüge mit einhergehendem Wechsel von Schule und Freundeskreis

Auch ein behütetes Elternhaus kann als Nährboden für die spätere Angst vor Trennung dienen. Betroffen sein können:

  • Menschen, die stark auf einen Elternteil fixiert waren oder/und nicht zur Selbständigkeit erzogen wurden, weil stets alles (von den Eltern) geregelt wurde.
  • Menschen, die das Alleinsein nie erlernt haben, weil sie sich direkt aus dem Elternhaus in die erste Beziehung stürzten.

Trennungsangst in Beziehungen: Welche Arten gibt es?

Taucht sie in Beziehungen von Erwachsenen wieder auf, unterscheiden wir zwei Varianten der Trennungsangst:

Aktive Angst vor Trennung

Ein Partner leidet in seiner Beziehung, ist unglücklich. Er weiß, dass die Beziehung kaputt ist und stellt sich kontinuierlich die Frage: „Soll ich mich trennen?“. Trotzdem bringt er nicht den Mut auf die Beziehung zu beenden. Für ihn ist die Vorstellung, alleine zu sein, sich selbst um alles kümmern zu müssen, um ein Vielfaches furchteinflößender als die gestörte Beziehung mit all ihren schlimmen Begleiterscheinungen, bis hin zur häuslichen Gewalt, die vor lauter Panik erduldet wird. 

Passive Trennungsangst

In diesem Fall hat ein Teil der Beziehung panische Angst vor einer Trennung. Er klammert sich am Partner fest, die Angst vor der Trennung lässt ihn fast alles tun, um den Partner unter allen Umständen zu halten.

So äußert sich die Trennungsangst

Steckt ein entsprechend vorgeprägter Partner mit Neigung zur Trennungsangst in der Beziehung fest, kann er die manische Angstvorstellung entwickeln, ohne den Partner minderwertig zu sein und unfähig, das Leben – auf sich allein gestellt – zu bewältigen. Eine solche Panik vor einer Trennung äußert sich oft wie folgt:

  • Eifersuchtsanfälle
  • Ängstliche Reaktionen selbst auf kürzere räumliche Trennung (beispielsweise berufs- oder krankheitsbedingt)
  • Klammern an oder Einengen des Partners
  • Kontrollwahn und Misstrauen gegenüber dem Partner
  • Einfordern des Rats und der Bestätigung des Partners bei jeder (noch so kleinen) Entscheidung
  • „Was-wäre-wenn“-Gedanken: sich ausmalen, wie furchtbar es sein wird, wenn man vom Partner getrennt ist
  • Unfähigkeit alleine zu sein
  • Verharren in der Beziehung, selbst wenn diese total zerrüttet ist
  • Versagensängste, Minderwertigkeitsgefühle, Schuldgefühle

Mach dir klar: Trennungsangst ist kein schräger Spleen oder Tick, sondern kann sich zu einer Gesundheitsbedrohung entwickeln. Betroffene berichten von Schlafstörungen, Panikattacken und Zwangshandlungen. Folgen können Persönlichkeitsstörungen, Zwangsstörungen, Depressionen und Suchterkrankungen sein.

10 Tipps: Wie kann man Trennungsangst überwinden?

Mit einem gut gemeinten „Reiß dich zusammen!“ von den besten Freunden ist es nicht getan, wenn jemand unter echter Trennungsangst leidet. Und auch ein noch so liebevoller Partner kann oft nicht helfen, denn der manisch Betroffene hört zwar die Ratschläge, sieht die Unterstützung des Partners – lässt aber beides nicht an sich heran. So ist es schwierig die Beziehung zu retten. Die Beachtung der folgenden zehn Tipps kann Betroffenen helfen, ihre Trennungsangst einzudämmen oder gar zu überwinden:

  1. Schaff eine gemütliche Atmosphäre:Nutze die Zeit zum Lieblingsmusik hören, Buch lesen, Film ansehen, Schaumbad nehmen oder um deine beste Freundin anzurufen.
  2. Verabrede dich zu eigenen Terminen: Starte ganz bewusst Unternehmungen ohne den Partner. Auch dann, wenn er selbst gar nicht unterwegs ist.
  3. Offener Austausch:Stell dich der Situation der Trennungsangst, und rede mit deinem Partner und mit guten Freunden darüber.
  4. Lass dein Leben Revue passieren!Welche Lebenskrisen hast du bisher gemeistert? Erinnern dich an „starke Momente“ deiner Selbst!
  5. Ruf dir schöne Erinnerungen ins Gedächtnis:Wie schön das erste Treffen war, wie romantisch der Heiratsantrag, wie emotional die Geburt deines Kindes, wie glücklich der Sommerurlaub in Südfrankreich …
  6. Analysiere dich selbst:Schreib auf, wenn sich ein Problem vor dir auftürmt, überlege, was das Problem ausgelöst hat und mit wem du dich darüber unterhalten könntest.
  7. Tu etwas Gutes gegen die Trennungsangst: Erforsche deine Wünsche und erfülle dir einige davon. Vielleicht ist dazu auch eine Beziehungspause
  8. Such dir ein eigenes Hobby: Malen? Klettern? Fotografieren? Dem Schwimmverein beitreten? Es sollte DEIN Hobby sein. Dein Partner sollte bewusst nur gelegentlich dabei sein.
  9. Versuche alles, was du machst, konzentriert zu tun: Egal ob Einkaufen, Bügeln oder Joggen. Horch in dich hinein und versuche, alle Tätigkeiten (auch die lästigen) zu genießen!
  10. Wenn Selbsthilfe und das eigene Umfeld keine Besserung bringen:Such dir professionelle Hilfe bei einem Psychologen! Es gibt viele vertrauenswürdige Beratungsstellen, die dich bei einer Therapie begleiten und unterstützen.

Fazit: Trennungsangst bekämpfen durch Training im Alltag

Angst vor einer Trennung steckt seit dem Babyalter in jedem Menschen. Sie ist nichts, wofür wir uns schämen müssen. Wenn sie aber zur Panik eskaliert, und in Dramen von Eifersucht oder Klammern am Partner mündet, belastet sie nicht nur den Betroffenen, sondern dessen gesamtes Umfeld – weit über die eigentliche Beziehung zu dem Partner hinaus. Trennungsangst in der Beziehung kann sich zur gesundheitsbedrohenden Krankheit auswachsen. Spätestens dann sollten Betroffene psychologische Hilfe suchen. Im frühen Stadium kann ein „Training für den Alltag“ helfen, die Trennungsangst zu überwinden oder zu lindern.

Die Top 5 Tipps gegen Trennungsangst:

  1. Stell dich deiner Angst! Spreche mit dem Partner oder guten Freunden darüber, wann und warum dich die Furcht packt.
  2. Wenn sich das Alleinsein nicht vermeiden lässt – beschäftige dich bewusst und schaff dabei eine angenehme Atmosphäre.
  3. Plane ganz bewusst Treffen oder Aktivitäten, bei denen du ohne deinen Partner unterwegs bist.
  4. Mach dir bewusst, dass du in deinem Leben schon viel erreicht und bewältigt hast. Steigere so dein Selbstwertgefühl.

Scheu dich nicht davor, therapeutische Hilfe zu suchen, wenn du und dein Umfeld mit der Situation überfordert seid.

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