Bindungsangst: Ursachen, Symptome & Tipps zur Überwindung

Eine intensive Nacht voller Leidenschaft und Seelenverwandtschaft – und am nächsten Morgen ist der Partner kühl und abweisend oder sogar ganz von der Bildfläche verschwunden? Das passiert nicht wenigen Menschen tagtäglich auf dieser Welt. Mit großer Wahrscheinlichkeit haben Sie Ihr Herz an einen Mann oder eine Frau mit Bindungsangst verloren.

Bindungsunfähige haben unbewusst Angst vor emotionaler Nähe und können sich nicht auf eine dauerhafte Beziehung einlassen – obwohl sie sich danach sehnen. Angst vor Bindung kann verschiedene Ursachen und Ausprägungen haben. Wer sich intensiv mit ihr auseinandersetzt, kann Bindungsangst erfolgreich mit den nachfolgenden Tipps überwinden.

Inhalt

Ursachen von Bindungsangst

Die Angst, sich lebenslang an einen Partner zu binden, ist weder bei Frauen noch bei Männern ein neues Phänomen. Neben der Grundeinstellung eines Mingles, der gezielt ein Leben halb Single, halb Beziehung verfolgt, verbergen sich hinter Bindungsangst oftmals verschiedenste Ängste, derer sich die Betroffenen meist nicht bewusst sind.

1. Negative Verletzungen und Verlusterlebnisse

Die Angst vor emotionaler Nähe begründet sich bei den meisten Bindungsunfähigen auf einem geringen Selbstwertgefühl. Negative Erfahrungen sind die Ursache dafür. Beispielsweise haben Betroffene in früheren Liebesbeziehungen häufig Verletzungen oder andere personenbezogene Verluste erlebt.

2. Bindungsverhalten der Kindheit

Eine ausgeprägte Bindungsangst basiert in der Regel auf schmerzlichen Kindheitserfahrungen, die vor allem innerhalb den ersten beiden Lebensjahren erlebt worden sind. So können eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung oder ein schwieriges Verhältnis zum Vater Ursachen für Bindungsangst sein. Die Verbindung zur Mutter ist allerdings die ausschlaggebende Basis für das spätere Bindungsverhalten der Kinder. Psychologen sprechen dabei vom Bindungsstil. Wer zum Beispiel mit einer distanzierten, abweisenden oder dominanten Mutter aufgewachsen ist, lernt früh, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle unter Kontrolle zu halten und zu verstecken. Vernachlässigung durch Mutter oder Vater können aber auch Auslöser für eine spätere Angst vor emotionalen Verletzungen sein. Im Gegensatz dazu haben Bindungsphobiker mit einer überbehüteten Kindheit große Angst vor Abhängigkeit und Einengung im späteren Leben.

3. Distanzierte, kühle Beziehung der Eltern

Aber nicht nur das Verhalten der Eltern gegenüber dem Betroffenen in der Kindheit, sondern auch das elterliche „Vorbild“ hat Einfluss auf das Bindungsverhalten des Nachwuchs. Lebten die Eltern eine distanzierte Beziehung mit wenig Nähe und Zärtlichkeit vor, ist es nicht unwahrscheinlich, dass deren Kinder dieses Beziehungsverhalten in deren Zukunft adaptieren. Auch Charakter und Seelenlage der Mutter haben Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeiten der Kinder. Wer mit einer unterkühlten, unzufriedenen Mutter aufgewachsen ist, hat später mit großer Wahrscheinlichkeit Probleme, sich auf andere Menschen einzulassen.

Verhalten bei Bindungsangst

Bindungsphobiker haben sowohl Angst vor dem Verhalten des Partners als auch vor ihrem eigenen. Dies ist in der Ambivalenz ihres Zustands begründet, denn so sehr sie sich vor Nähe fürchten, so sehr sehnen sie sich auch nach ihr. Aus diesem Grund pendeln Menschen mit Bindungsangst ständig zwischen Nähe und Distanz. Unbewusst verknüpfen sie emotionale Nähe mit Schmerz und Gefahr. Um diese zu vermeiden, haben sie komplexe Verhaltensmuster und Strategien entwickelt. Die beiden amerikanischen Autoren Steven Carter und Julia Sokol unterscheiden in Ihrem Ratgeber „Nah und doch so fern. Beziehungsangst und ihre Folgen“ in aktive und passive Beziehungsvermeider: „Menschen mit Bindungsproblemen suchen sich in der Regel entweder eine Beziehung mit „eingebauter“ Distanz oder sie geben sich alle Mühe, in ihrer bestehenden Beziehung Distanz zu schaffen.“

Die meisten ihrer Abwehrstrategien basieren entweder auf Vermeidung oder Flucht. Im Zusammenspiel mit dem Wunsch nach Nähe ergibt sich dadurch das typisch ambivalente Verhalten bei Bindungsangst. Auch wenn sich die Ausprägungsmuster von aktiven und passiven Beziehungsvermeidern manchmal überschneiden, lassen sich konkrete Merkmale herauskristallisieren.

Verhaltensweisen bei einer aktiven, unbewussten Bindungsangst

  • Nach der „rosaroten-Brillen-Phase“ verspüren verliebte Männer oder Frauen mit Bindungsangst häufig eine innere Zerrissenheit. Der Beziehungsphobiker leidet, weil ihm bewusst wird, wie viel ihm der Partner bedeutet. Zum Beispiel beendet der Betroffene nach dem Phänomen Ghosting die Beziehung „aus heiterem Himmel“ oder er verschwindet am Morgen nach einer leidenschaftlichen Nacht.
  • Auch kühles, abweisendes oder sogar aggressives Verhalten kann ein Anzeichen von Bindungsangst sein. Nicht selten wird aus Angst vor zu viel Nähe oder nach besonders schönen Momenten scheinbar grundlos ein Streit vom Zaun gebrochen.
  • Auch die Vermeidung von Verantwortung und Verpflichtungen in einer Beziehung ist ein typisches Verhalten bei Bindungsangst. Generell sind Bindungsphobikern Erwartungen ein Grauen, das Fluchtreflexe auslöst.
  • Menschen mit Angst vor Bindung sind oft entscheidungsschwach und wollen sich nicht festlegen. Deswegen plädieren sie für unverbindliche Beziehungen. Auch „On- and off-Beziehungen“ sind ein Hinweis auf versteckte Bindungsangst.
  • Beliebte Rückzugsstrategien sind beispielsweise die Flucht in Arbeit, Hobbys, Untreue, Krankheit oder in sexuelle Zurückhaltung.

Verhaltensmuster bei einer passiven, unbewussten Bindungsangst

  1. Wer unter passiver Angst vor Bindung leidet, sucht sich konsequent Partner, die nicht zum ihm passen.
  2. Häufig verlieben sich Frauen und Männer mit passiver Bindungsangst in bereits liierte Menschen oder solche, die ihnen offensichtlich nicht gut tun.
  3. Taucht hingegen ein potentieller Partner auf, der zu ihnen passt, wird er ignoriert.

Körperliche Anzeichen von Bindungsangst

Nicht nur Verhaltensweisen, sondern auch körperliche Symptome, wie starke Anspannung, Herzrasen, Beklemmungsgefühl oder Panikattacken können Ausprägungen von Bindungsangst sein.

Bindungsangst bei Männern

Grundsätzlich lassen sich keine eindeutig männlichen oder weiblichen Verhaltensweisen bei Bindungsphobikern skizzieren. Je nach Ausprägung und Bindungsangst-Ursachen zeigen Männer wie Frauen ein ähnliches Repertoire an ambivalentem Verhalten. Lediglich in dessen Intensität können geschlechtsspezifische Unterschiede auftreten.

So verhalten sich Männer mit Bindungsangst im Vergleich zu Frauen

Das männliche Fluchtverhalten ist mitunter stärker ausgeprägt im Vergleich zu dem weiblichen. Das hat vermutlich evolutionsbiologische Wurzeln, da Männer genetisch nicht so stark auf Bindung und Familie programmiert sind wie Frauen. Zudem ist die Angst vor Einengung aber auch vor dem Verlassen werden bei Männern stärker im Gegensatz zum weiblichen Geschlecht. Psychologen fanden heraus, dass Partnerwahl und Beziehung eines Menschen immer vom gegengeschlechtlichen Elternteil beeinflusst wird. Ein problematisches Mutter-Sohn-Verhältnis kann somit Ursache für die Bindungsangst von Männern sein. Unbewusst haben diese Männer ihre Angst, von einer Frau eingeengt, enttäuscht oder gar verlassen zu werden, nie abgelegt. Folglich projizieren sie diese nun auf ihre Partnerin.

Bindungsangst bei Frauen

Angst vor Bindung galt lange als typisch männliches Problem. Dennoch leidet das weibliche Geschlecht ebenso unter Angst vor Nähe wie Männer. Frauen können Bindungsangst jedoch besser vor sich und ihren Mitmenschen verbergen. Mit zunehmender Selbstbestimmung wachsen weibliche Erwartungen an Nähe und Intimität. Die Sehnsucht nach der perfekten Beziehung wird immer größer. So ist es kein Zufall, dass insbesondere jüngere Frauen unter der Ambivalenz dieser Sehnsüchte und ihrer Angst vor Nähe leiden.

So verhalten sich Frauen mit Bindungsangst im Vergleich zu Männern

Bindungsangst bei Frauen kann dasselbe ambivalente Verhalten wie bei männlichen Bindungsphobikern herauskristallisieren. Allerdings ist es nicht so stark ausgeprägt. Ein Unterschied lässt sich jedoch in ihrem Umgang mit Bindungsangst feststellen. Die Vielzahl der Frauen geht ihr Problem mit Nähe reflektierter an als Männer. Sie ahnen, dass viele ihrer Ängste im Unterbewusstsein liegen. Frauen versuchen die Bindungsängste alleine oder im Gespräch mit Vertrauten zu verarbeiten. Unter Umständen ist dies darin begründet, dass sie eher dazu geneigt ist, sich mit den Gefühlen und dem Thema Beziehung auseinanderzusetzen als er. Außerdem ist es für Frauen leichter, Schwächen und Ängste einzugestehen als für Männer.

Bindungsangst überwinden in drei Schritten

  • Schritt 1 – Der Bewusstseinsprozess: Wer seine Bindungsangst hinter sich lassen will, sollte sie sich eingestehen und darüber bewusst werden. Eine positive Selbstwahrnehmung ist der erste Schritt zum Erfolg. Überdenken und überarbeiten Sie das Bild, das Sie von sich haben – vielleicht verhindert dies weitere Schritte – oder gar die Hoffnung auf Änderung. Extra-Tipp: Sagen Sie sich immer wieder: „Bindungsangst zu überwinden ist nicht leicht, aber möglich.“
  • Schritt 2 – Konfrontation mit der Angst: Beschäftigen Sie sich dann mit den konkreten Ängsten und dem Verhalten bei Bindungsangst. So können Sie mit deren Aufarbeitung beginnen. Allein (oder nur mit dem Partner) lässt sich Bindungsangst nur schwer bewältigen: Suchen Sie sich eine Selbsthilfegruppe oder tauschen Sie sich in einem Forum für Beziehungsängste aus. Auch eine Psychotherapie ist sinnvoll, da dort, die Ursachen der Bindungsangst professionell ergründet werden. Es wird gelernt Gefühle adäquat zu äußern.
  • Schritt 3 – Die Entfaltung: Öffnen Sie sich gegenüber anderen. Bauen Sie wieder Vertrauen zu Menschen auf. Setzen Sie dabei jedoch auch klare Grenzen und lernen Sie, sich selbst anzunehmen.

Mit der Bindungsangst des Partners umgehen

Einen Partner mit Bindungsunfähigkeit zu haben, stellt den Liebenden vor eine große Herausforderung. Durch das ständige Wechselspiel von Distanz und Nähe kann er sich nie sicher sein. Diese Unsicherheit kann zu großer Angst des Bindungsfähigen führen und in einem Teufelskreis münden: Durch den Rückzug des Partners steigert sich das Begehren. Das führt zu immer größeren Anstrengungen, die Liebe des Bindungsphobikers (zurück)zugewinnen. Daraus folgt wiederum, dass sich der Betroffene mit Beziehungsangst eingeengt fühlt.

Gut zu wissen: Kein Zufall ist auch die Tatsache, dass sich ein Bindungsphobiker in einen gleichgesinnten Menschen mit Bindungsangst verliebt. Nicht selten gesellen sich aktive Beziehungsvermeider zu passiven. Zum Teil kommt es dann sogar vor, dass sie (vorübergehend) die Rollen tauschen.

Wer eine Person mit Beziehungsangst liebt, sollte deshalb folgendes beachten:

  1. Machen Sie Ihrem Partner keine Vorwürfe.
  2. Führen Sie ehrliche, nicht anklagende Gespräche, in denen Sie gemeinsam die Gründe für die Bindungsangst herausfinden.
  3. Machen Sie ihrem Partner klar, dass er nur eine Chance auf Heilung hat, wenn er seine Angst wahrnimmt und anerkennt.
  4. Lernen Sie, Ihren Partner und die Ursachen seiner Bindungsangst verstehen – nur so können Sie ihm seine Ängste nehmen.
  5. Formulieren Sie auch Ihre eigenen Wünsche für die Beziehung.
  6. Erwarten Sie nicht, dass der andere sich (schnell) ändert. Sie sollten optimistisch und gemeinsam daran arbeiten.
  7. Seien Sie geduldig.
  8. Helfen Sie ihm durch Ihre Liebe, sein Selbstwertgefühl zu steigern.
  9. Ermöglichen Sie ihm positive Erfahrungen von Nähe, um ihm zu helfen, die Bindungsangst zu überwinden.
  10. Zeigen Sie ihm auf, wie und wo er sich professionelle Hilfe holen kann.

Wenn alle Bestrebungen dennoch nicht dazu führen, dass Ihr Partner seine Beziehungsangst bewältigen kann, bleibt Ihnen nur die Wahl zwischen Trennung oder zu akzeptieren, dass der Bindungsphobiker seine Gefühle oft nicht zeigen kann und wird.

Fazit: So können Sie Bindungsangst erkennen und überwinden

Angst vor Bindung ist kein typisch männliches Phänomen. Auch Frauen leiden unter Bindungsangst. Die Ursachen liegen sowohl in der Kindheit als auch in einem geringen Selbstwertgefühl begründet. Unterschieden wird in aktive und passive Beziehungsvermeider, die jeweils diverse Strategien zur Vermeidung fester Liebesbeziehungen an den Tag legen.

Strategien aktiver Beziehungsvermeider…

Strategien passiver Beziehungsvermeider…

… beenden Beziehungen spontan oder tauchen einfach unter.

… verlieben sich in unerreichbare Partner.
… provozieren den Partner durch Streit, Unzuverlässigkeit, Gefühlskälte o.ä., die Beziehung zu beenden.

… verlieben sich in Partner, die nicht zu ihnen passen oder ihnen nicht gut tun.

… ziehen sich in Arbeit, Hobbys, Untreue, Krankheit, sexuelle Enthaltsamkeit zurück.

… ignorieren passende Partner.

Der erste Schritt um Bindungsangst zu überwinden ist, diese anzuerkennen. Das Erkunden der Ursachen und die Aufarbeitung konkreter Ängste erfolgt idealerweise mit professioneller Hilfe oder im Austausch mit anderen Betroffenen.